Meine Freundin möchte einen Neuen. Sie ist des Alten überdrüssig. Und einige Ecken hat er auch ab. Bei einer Tasse Tee weihte sie mich ein in ihre Trennungspläne. Natürlich sprachen wir hier nicht von ihrem Göttergatten – der ist, obwohl er dieses Jahr fünfzig geworden ist, noch ganz gut in Schuss. Nein, gemeint war ihr grosser Küchentisch.
Als ich in ihrem Haus das erste Mal ein- und ausgegangen bin, hat dieser Tisch schon dagestanden. Was der wohl alles miterlebt hat? Hier wurden Neugeborene gestillt, erste Essversuche der Kleinkinder gewagt, Geburtstage gefeiert, Familienfeste und Sitzungen abgehalten.
Der Küchentisch ist nicht nur im bäuerlichen Haushalt die zentrale Drehscheibe für das gesamte Familienleben. Hier wird so manche strategische Entscheidung gefällt, über Hausaufgaben gebrütet, gestritten, geweint und gelacht. Nach meiner Rechnung wurden an diesem Tisch in den vergangenen Jahren rund 20 000 gemeinsame Mahlzeiten gegessen, Hunderte Kaffees aufgetischt und abends bestimmt auch die eine oder andere Flasche Wein geöffnet.
Man sieht ihm das Erlebte an. Der Lack ist an mehreren Stellen völlig abgeschabt, hier und dort hat es Kratzer und an einer Stelle gar eine etwas tiefere Kerbe.
Ich wurde beinahe wehmütig beim Gedanken an diese bevorstehende Trennung im Hause meiner Freundin. Was für einen folgenschweren Entscheid sie doch so leichtherzig gefällt hat. Nun, die Aussicht auf den Neuen war sehr verlockend. Die schönen Bretter, geschnitten aus einer Eiche vom Hof, lagerten schon einige Jahre und warteten auf ihre Verarbeitung. Da nun der ideale Fachmann für die Herstellung des Wunschtisches gefunden war, war die Trennung vom alten nur noch eine Frage von wenigen Wochen.
Ich lehnte mich zurück an ihrem Tisch und nippte an meinem Tee. Ein Geistesblitz durchfuhr mich wie ein Stromschlag.
Zwei Tage später fuhr ich mit dem grossen Lieferwagen bei der Freundin vor. Wieder zu Hause hantierte ich bis spätabends mit Schleifmaschine im Scheinwerferlicht. Das Resultat kann sich sehen lassen. Der alte Küchentisch erhält bei meiner Familie ein zweites Leben. In unserer Stube wollten wir schon immer einen grösseren Tisch haben. Nun steht er da, aufgefrischt und bereit, seine Geschichte um viele weitere Kapitel zu verlängern.