Aktuelles ZBV
Diese Woche bei Familie Richter

«Druck auf den Schultern der Bauern kommt von allen Seiten»

Diese Woche diskutiert Familie Richter zum Thema Trinkwasser
Bild: zVg
Pablo Nett, ETH-Agronom und Geschäftsleitungsmitglied beim Zürcher Bauernverband, unterstützt Landwirte in Krisensituationen – oft rund um die Uhr. Als Leiter der betriebswirtschaftlichen Beratung des Verbandes und Ansprechperson der «Puure-Hilf» weiss er, welche Sorgen Bauern besonders belasten. Im Interview spricht er über wiederkehrende Probleme – und darüber, wie er selbst mit der psychischen Belastung umgeht. 
Interview: Ravena Frommelt

Wie kam es zur Idee dieses bäuerlichen «Sorgentelefons»? 

Bereits vor der Lancierung der «Puure-Hilf» bot der ZBV psychologische Unterstützung an. Einerseits gab es vor 2018 das rund um die Uhr erreichbare «Sorgentelefon», welches der Agronom und damalige Berater beim ZBV Hansueli Lareida betreute. Andererseits existierte die «Offeni Tür», bei der die Beraterin Rös Angst während insgesamt sechs Stunden pro Woche, verteilt auf fünf Wochentage, spezifische Unterstützung bei zwischenmenschlichen Konflikten anbot. Im Zuge von Pensionierungen wurden diese beiden Angebote 2018 zur «Puure-Hilf» zusammengeführt. Dabei kombinierten wir die Stärken beider Formate und entwickelten daraus ein umfassenderes Unterstützungsangebot.

Sie haben ein offenes Ohr für bäuerliche Sorgen jedweder Natur, sei es betriebswirtschaftlich, familiär, finanziell oder psychisch. Was sind die häufigsten wiederkehrenden Konflikte, die Ihnen telefonisch zu Ohren kommen?

Bei der «Puure-Hilf» nehmen wir die Sorgen auf, hören zu, helfen beim Sortieren von Gedanken und leiten allenfalls Sofortmassnahmen ein. Von den rund 50 jährlichen Anfragen, die bei uns eintreffen, sind die grosse Mehrheit familiäre und ein kleinerer Teil persönliche Konflikte. Oft sehen die Anrufenden nach dem längeren Gespräch mit uns wieder klarer und es zeigen sich auf einmal Lösungswege.

Landwirte kommen mit einer grossen Bandbreite unterschiedlicher Probleme zu Ihnen, manchmal wird es dabei sehr existenziell. Wie schaffen Sie selbst es, psychisch belastbar zu bleiben bei dieser Flut an Sorgen? 

Es ist wichtig, achtsam zu bleiben und gleichzeitig einen gesunden Abstand zu bewahren, auch zu seinen eigenen Sorgen. Das kann ich in meiner täglichen Arbeit gut üben. Zusätzlich finde ich einen guten Ausgleich in der Familie und in der Natur. 

Wieso ist es wichtig, dass die Puure-Hilf rund um die Uhr erreichbar ist? 

Grösstenteils erreichen uns die Anrufe zu den Geschäftszeiten und eher selten abends nach 18 Uhr oder am Wochenende. Trotzdem ist es wichtig, immer erreichbar zu bleiben, falls mal wirklich ein Notfall eintritt. Diese Erreichbarkeit senkt auch die Hemmschwelle für die Anrufenden. Denn die meisten schämen sich insgeheim dafür, Sorgen zu haben. Durch die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit hat aber jede Person die Möglichkeit, dann anzurufen, wenn der Zeitpunkt für ihn oder sie am besten passt.

Neben Ihnen nimmt auch Charlotte Krebs das Puure-Hilf-Telefon ab – doch dies war nicht von Anfang an so. Wann haben Sie entschieden, dass es eine zweite Ansprechperson braucht, und wieso? 

Ich hatte Fälle, bei denen Frauen anriefen, die psychische oder körperliche Gewalt erlebten – sowohl innerhalb der Ehe als auch ausserhalb. In diesen Fällen spürte ich bei manchen gewaltbetroffenen Frauen eine gewisse Befangenheit mir als Mann gegenüber. Da habe ich jeweils offen nachgefragt, ob die Anruferinnen lieber mit einer Frau darüber sprechen möchten, was auch bejaht wurde. So haben wir dann Charlotte Krebs, die ebenfalls beim Zürcher Bauernverband arbeitet, gefragt, ob auch sie die Puure Hilf mit ihrem offenen Ohr unterstützen möchte, und sie hat eingewilligt. Charlotte Krebs verfügt über das nötige Fingerspitzengefühl, kann gut zuhören und gezielt nach Lösungen suchen. 

Was machen Sie nun für Erfahrungen, da Sie zu zweit die bäuerlichen Sorgen abfedern: Spüren Sie eine Entlastung? Wie oft hat das Puure-Telefon vorher geklingelt, und wie häuft klingelt es nun?

Es gibt im Schnitt einen Anruf pro Woche – diese Frequenz hat sich seit Beginn auch kaum geändert. Es ist jedoch eine Entlastung, dass ich spezifische Fälle an Charlotte Krebs weitergeben kann. Sie übernimmt das Notfall-Telefon zudem auch während meiner Ferien und gewährleistet so, dass ich meine eigenen «Batterien» wieder aufladen kann. 

Viele Menschen holen sich erst sehr spät Hilfe. Gilt dies auch für Bauern? Wann ist typischerweise der Zeitpunkt, wo auch der unabhängigste Bauer zum Puure-Hilf-Telefon greift?

Ja, das Phänomen des zu späten Hilfeholens ist auch unter Zürcher Bauern verbreitet – ganz nach dem Motto «Ein Indianer kennt keinen Schmerz». Bauern sind typischerweise auch schon so aufgewachsen, dass sie ihre Probleme mit Arbeiten lösen. Und wenn es nicht klappt, muss man einfach mehr arbeiten. Doch so fängt die Abwärtsspirale an zu drehen. Ich hatte bisher kaum Fälle, in denen ein Landwirt über Burnout klagte, aber Ehefrauen, die befürchteten, ihr Mann könne ein Burnout haben.

Gibt es eine Situation oder ein Telefonat, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Ja, davon gibt es viele! Schöne wie auch schlimme Fälle. Eine besonders schöne Erinnerung war ein sonntagmorgendlicher Anruf um 8.15 Uhr: Eine ältere Bauersfrau fragte mich, ob sie ihrem Enkelsohn 10 000 Franken schenken soll – ohne ihren Ehemann darüber zu informieren. Ehrlicherweise musste ich ihr zwar antworten, dass ich dies nicht für sie entscheiden könne. Ich riet ihr aber, sich vorher mit dem Ehemann abzustimmen und das Geld eventuell in Form eines Darlehens zu überreichen. Daraufhin hat sie mir versprochen, dass sie das Ganze mit ihrem Ehemann bespricht.

Erlauben Sie uns eine kritische Frage. Sie haben Agronomie studiert, nicht aber Psychologie. Wieso sind Sie dennoch in der Lage, fremde Menschen psychologisch zu unterstützen? Wie weit geht die psychologische Beratung?

Charlotte und ich therapieren die Anrufenden nicht, sondern wir führen eine Triage durch, das heisst:  Wir lösen nicht die Probleme, mit denen sich die Leute an uns wenden, sondern schätzen ab, welche Massnahmen einzuleiten sind. Dabei vermitteln wir auch an spezialisierte Fachpersonen weiter, die konkrete psychologische Unterstützung bieten können. Oft ist es auch so, dass die Bauern und Bäuerinnen, die anrufen, einfach nicht mehr über den Berg von Problemen sehen. Es hilft ihnen dann oftmals schon, uns ihre Gedanken zu schildern, die Sorgen alle darzulegen und mit unserer Unterstützung eine Ordnung reinzubringen und die Gedanken zu sortieren. Nach einem einstündigen Gespräch sehen sie vieles klarer und können oft auch selbstständig Lösungen einleiten.

Zum Schluss: Was muss sich grundsätzlich für die Bäuerinnen und Bauern im Land ändern, damit es ihnen seelisch insgesamt besser geht?  

Den Druck, der auf unseren Landwirten lastet, spüre ich regelmässig während der Telefonate im Rahmen der Puure-Hilf. Sei es, weil sie als Unternehmer ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, sei es, weil sie von Ämtern unter Druck gesetzt werden, oder sei es aufgrund der mangelnden Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird. Ich denke, wenn die Gesellschaft bereit ist, den von unseren Bauern erbrachten Leistungen Rechnung zu tragen, und ihre Wertschätzung auch in finanzieller Form bei den Bauern ankommt – ohne unnötig grossen administrativen Aufwand seitens Behörden – dann wird es den Landwirtinnen und Landwirten auch seelisch besser gehen.

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