Welche konkreten Massnahmen oder Projekte laufen, um Landwirte bei der Rehkitz-Rettung zu unterstützen?
Der Verein Rehkitzrettung Schweiz bietet Landwirten die Möglichkeit, ihre Felder kostenlos und unkompliziert über die Website anzumelden. Ein Drohnenteam sucht dann vor dem Mähen das Feld ab, um Rehkitze aus der Gefahrenzone zu bringen.
Zusätzlich unterstützt der Schweizer Tierschutz STS die Rehkitzrettung mit einer eigenen Drohnenflotte, die von ausgebildeten Piloten des Vereins Rehkitzrettung Schweiz geflogen wird.
Wie stellt ihr euch eine realistische, flächendeckende Lösung zur Rehkitz-Rettung vor?
Eine flächendeckende Rehkitzrettung erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirtinnen, Jägerinnen und Drohnenpilotinnen. Der Verein Rehkitzrettung Schweiz koordiniert diese Einsätze und bietet Schulungen für Drohnenpilotinnen an. Die gesamte Rehkitzrettung basiert jedoch auf Freiwilligenarbeit. Das Angebot einer flächendeckenden Rehkitzrettung hängt daher wesentlich vom Engagement zahlreicher Freiwilliger sowie von der Bereitschaft der LandwirtInnen ab, mit den Rehkitzrettungsteams zusammenzuarbeiten
Welche Unterstützungsmöglichkeiten sehen Sie für Landwirtinnen und Landwirte, die sich in einer sehr angespannten zeitlichen und personellen Lage befinden und gleichzeitig unter wachsendem moralischem Druck stehen?
Wir verstehen sehr gut, dass viele Landwirtinnen und Landwirte in der Mähsaison stark ausgelastet sind. Wer keinen Kontakt zur lokalen Jägerschaft hat und auch noch kein Rettungsteam kennt, kann sich daher ganz unkompliziert direkt über die Website von Rehkitzrettung Schweiz anmelden: www.rehkitzrettung.ch – einfach unter „Feldanmeldung“.
Dort müssen einzig die wichtigsten Angaben zum Feld gemacht werden. Die Koordination der Drohnenteams sowie die Drohneneinsätze selbst werden dann von Rehkitzrettung Schweiz übernommen.
Wie können aus eurer Sicht Rückzugsräume für Wildtiere in Agrarlandschaften geschaffen werden?
Rückzugsräume für Wildtiere in Agrarlandschaften lassen sich auf vielfältige Weise schaffen. Besonders wirksam sind biodiversitätsfördernde Strukturen wie Hecken, Feldgehölze, Säume, Buntbrachen, extensiv genutzte Wiesen oder gestaffelt gemähte Flächen. Diese Elemente bieten nicht nur Schutz und Nahrung, sondern auch wichtige Vernetzungsfunktionen innerhalb der Landschaft. Damit solche Strukturen langfristig wirksam sind, müssen sie ausreichend gross, gut verteilt und miteinander verbunden sein. Für Landwirte ist die Umsetzung solcher Massnahmen häufig mit zusätzlichem Aufwand oder Ertragseinbussen verbunden. Deshalb ist eine gezielte Unterstützung zentral – etwa durch Agrarumweltprogramme, Direktzahlungen oder Beratungsangebote, die sowohl ökologische als auch betriebswirtschaftliche Aspekte berücksichtigen. Auch eine bessere Integration von Biodiversitätszielen in die landwirtschaftliche Ausbildung und Planung kann dazu beitragen, das Verständnis und die Akzeptanz zu stärken. Letztlich braucht es klare politische Rahmenbedingungen und eine faire Honorierung der ökologischen Leistungen der Landwirtschaft, um biodiversitätsfördernde Strukturen nachhaltig zu verankern.
Welche Rolle spielen Zerschneidungen der Lebensräume durch Infrastrukturbauten (Strassen, Bahnlinien, Siedlungen), so dass sich Rehhabitate vermehrt auch auf landwirtschaftliche Nutzflächen verlagern?
Die Zerschneidung von Lebensräumen durch Infrastrukturbauten wie Strassen, Bahnlinien oder Siedlungen hat einen erheblichen Einfluss auf die Rehpopulation. Einerseits führen solche Barrieren zu einer stärkeren Fragmentierung des Lebensraums, was die Wanderungen und die genetische Durchmischung der Tiere einschränken. Genetische Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Autobahnen als klare Barrieren wirken – Rehpopulationen auf beiden Seiten unterscheiden sich nach wenigen Jahrzehnten genetisch messbar.
Andererseits erhöht der zunehmende Verkehr das Risiko von Wildtierunfällen erheblich. Der Strassenverkehr zählt heute zu den Haupttodesursachen für Rehe in der Schweiz. Um dem entgegenzuwirken, sind funktionierende Wildtierkorridore, Grünbrücken über stark befahrene Verkehrsachsen und technische Wildwarnsysteme an besonders unfallträchtigen Abschnitten wichtige Massnahmen zur Unfallvermeidung.
Das Reh zeigt sich in der Wahl seines Lebensraums relativ anpassungsfähig und bevorzugt in der Schweiz vor allem strukturreiche Gebiete in Waldrandnähe. Eine generelle Verschiebung der Rehhabitate auf landwirtschaftlich genutzte Flächen lässt sich jedoch nicht eindeutig auf die Zerschneidung der Lebensräume zurückführen. Vielmehr dürfte es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren handeln – darunter Flächenverlust, veränderte Landnutzung oder Störungen im ursprünglichen Lebensraum.
Wie gross ist der Rehbestand in der Schweiz? Für wie viele hat es «Platz»?
Der genaue Rehbestand in der Schweiz variiert je nach Region und Jahr und lässt sich selbst mit modernen Methoden nur schwer exakt erfassen. Schätzungen gehen von einer Gesamtpopulation von rund 140'000 Rehen in der Schweiz und Liechtenstein aus.
Um eine an den Lebensraum angepasste Populationsdichte zu erreichen und Konflikte mit forstwirtschaftlichen Zielen zu minimieren, werden die Rehbestände reguliert. Pro Jahr werden in der Schweiz etwa 40'000 Rehe bejagt, zusätzlich verunfallen rund 15'000 Rehe im Strassenverkehr.
Wie viele Rehe ein Lebensraum «verträgt», hängt stark von der Region, der Vegetation, den klimatischen Bedingungen und den land- und forstwirtschaftlichen Nutzungen ab. Es lässt sich also keine pauschale Zahl nennen – entscheidend ist eine lokal angepasste, ökologisch verträgliche Bestandesdichte.
«Ein natürliches Gleichgewicht», ist dies hierzulande überhaupt realistisch? Welche natürlichen Feinde hat das Reh?
In der Schweiz haben gesunde, ausgewachsene Rehe nur wenige natürliche Feinde. Zu den wichtigsten Prädatoren zählen der Luchs – für den das Reh die Hauptbeute darstellt – sowie der Wolf. Beide Grossraubtiere können lokal einen Einfluss auf die Rehpopulation ausüben, insbesondere durch die Bejagung kranker oder schwächerer Tiere.
Ein natürliches Gleichgewicht im eigentlichen Sinn kann sich jedoch nur dort einstellen, wo der Mensch nicht aktiv in die Populationsregulierung eingreift – wie etwa im schweizerischen Nationalpark. In den meisten Gebieten der Schweiz ist das Reh jedoch jagdbar und wird durch den Menschen reguliert. Deshalb kann man ausserhalb solcher streng geschützten Gebiete nicht von einem vollständig natürlichen Gleichgewicht sprechen.
Wie steht der Verein Rehkitzrettung Schweiz der Jagd gegenüber? Konkret der Praxis, dass gerettete Kitze später dennoch im Rahmen der Jagd geschossen werden?
Der Verein Rehkitzrettung Schweiz arbeitet eng mit Jägern zusammen und erkennt die Rolle der Jagd in der Wildtierbewirtschaftung an. Die Rettung von Rehkitzen vor dem Mähtod ist ein Akt des Tierschutzes und steht nicht im Widerspruch zur nachhaltigen Jagd.