Unser Land wird von sieben Bundesräten regiert. Vier davon haben einen bäuerlichen Hintergrund. Zufall oder Berechnung? Wie kommt es, dass die Landwirtschaft aktuell im Parlament über 20 Sitze hält, während andere Wirtschaftssektoren darin kaum vertreten sind? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst einmal die Zeit zurückdrehen.
Wir schreiben das Jahr 1850. Rund die Hälfte der erwerbstätigen Schweizerinnen und Schweizer arbeitet in der Landwirtschaft. Im Parlament sind die Bauern jedoch in der Unterzahl vertreten. Der wachsende Druck auf den Weltmarkt und spätere Agrarkrisen führen dazu, dass sich die Bauern zunehmend als Berufsstand organisieren. Im Jahr 1842 wird der Zürcher Bauernverband (ZBV) gegründet, 1897 entsteht der Schweizer Bauernverband (SBV). Vielerorts werden landwirtschaftliche Genossenschaften gegründet, welche die Bauern bei der Anpassung an die neue Wirtschaftssituation unterstützen. Kunstdünger und Kraftfutter können gemeinsam erworben werden, Produkte gelangen durch Kooperationen zu den Konsumenten. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Bauern anfangs 1900 auf rund einen Drittel der schweizerischen Erwerbsbevölkerung.
Dank höherer Erträge und Effizienzsteigerungen verbessern sich viele bäuerliche Einkommen. Der Schweizer Bauernverband setzt sich zu dieser Zeit unter anderem für möglichst hohe Zölle ein, um günstige Importe einzudämmen. Zudem halten bald schon mehrere bäuerliche Vertreter Einsitz im Parlament: im Jahr 1920 verfügen 7,6 Prozent der Parlamentarier über einen landwirtschaftlichen Hintergrund.
Der Wunsch nach einer politischen Stimme
Der Erste Weltkrieg stärkt die Schweizer Landwirtschaft als heimische Lebensmittellieferantin. Der Bundesrat verordnet zwei fleischlose Tage pro Woche und deckelt die Preise für Lebensmittel. Diese Bestimmungen vertiefen den Stadt-Land-Graben. Die politischen Lager zwischen Fabrikbesitzern und Fabrikarbeitern sind gespalten. Die Bauern fühlen sich weder dem einen noch dem anderen Lager zugehörig. Und so kommt in Bauernkreisen das Bedürfnis nach einer eigenen politischen Partei auf. 1917 ist es so weit: Die Bauernpartei wird gegründet, 1971 entsteht daraus die SVP.
Eine bedeutende Stimme in der Politik gewinnt die Landwirtschaft an den Bundesratswahlen vom 12. Dezember 1929. Rudolf Minger heisst der erste bäuerliche Bundesrat – ein Moment, der in die Geschichte der Schweizer Landwirtschaft eingeht.
Politik und Landwirtschaft verbinden
Heute sind 14,2 Prozent aller Mitglieder des Schweizer Parlaments entweder Landwirtin, Landwirt oder auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ein Bauer, der die politische und die landwirtschaftliche Welt miteinander vereint, ist SVP-Nationalrat Martin Hübscher. «Während der Session bin ich eindeutig Politiker, aber neben den Sessionen fühle ich mich eher als Bauer, auch wenn ich ein- bis zweimal pro Woche als Politiker im Bundeshaus in Bern bin», erklärt er im Video.
Vormittags ist er mit Krawatte im Bundeshaus anzutreffen, nachmittags mit Hemd und Stiefeln auf dem Acker. Die Balance zwischen diesen zwei Welten ist nicht immer einfach. Nur dank der Unterstützung der Familie funktioniert das Zusammenspiel. Auf die Frage, warum die Landwirtschaft in der Gesellschaft so kontrovers diskutiert wird, antwortet Hübscher: «Die vielen Zielkonflikte zwischen der Produktion und gesellschaftlichen Erwartungen an die Umwelt oder auch zwischen bäuerlichem Einkommen und den Bundesausgaben sind Hauptgründe dafür».
Ein Blick in die Gegenwart
Und wie sieht es heute aus? Bekannt ist, dass die Anzahl an Landwirtschaftsbetrieben stark rückläufig ist. Seit 1950 hat sich der Anteil der Erwerbstätigen in der Schweizer Landwirtschaft um fast 90 Prozent verringert.
Im Parlament ist die SVP mit fast einem Drittel Wähleranteil seit Jahren die stärkste Partei. Eine Partei, welcher der Ruf als „Bauernpartei“ nachhallt. Eine begründete Aussage, denn die Mehrheit heutiger Bäuerinnen und Bauern ist SVP-Wähler. Doch die Bauern trifft man auch in den anderen politischen Lagern an. Das widerspiegelt auch ein Blick auf die Parteizugehörigkeit der amtierenden Schweizer Parlamentarier. 65 Prozent zählen zur SVP, 17 Prozent gehören zur Mitte-Partei, 9 Prozent sind Grüne Politiker, 6 Prozent FDP-Mitglieder und 1 Person ist EDU-Politiker (3 Prozent).
Und verstehen sich die Bauern aus der SVP mit den Bauern der Grünen Partei? Persönlich ist das meistens kein Thema, politisch wird allerdings nicht immer ein gemeinsamer Nenner gefunden. Doch genau diese Vielfalt macht unsere Politik aus, die unterschiedlichen Ansichten bringen unser Land weiter.
Warum die Landwirtschaft eine so hohe Präsenz im Parlament verzeichnet, dieser Frage sind wir nachgegangen. Dazu haben wir mit zwei verschiedenen Personen aus der Politik ein Interview geführt.
Damian Müller, Luzerner FDP-Ständerat, ist sich sicher, dass die Bauern dank ihrer starken Verankerung in den Gemeinden eine breite Unterstützung der Gesellschaft geniessen. «Sie sind sichtbar, ansprechbar und übernehmen Verantwortung», antwortet er auf die Frage, warum in unserem Land häufig Personen aus der Landwirtschaft in politische Ämter gewählt werden.
Die Berner Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher empfindet es als bedeutend, dass die Bauern in allen verschiedenen Parteien vertreten sind. So können sie in allen Fraktionen Einfluss nehmen. «Den Austausch mit bäuerlichen Kollegen erlebe ich gut, die Zusammenarbeit als sehr angenehm», so Badertscher weiter.
Welche typischen Eigenschaften die bäuerlichen Kollegen gemein haben und ob der politische Erfolg der Schweizer Bauern gerechtfertigt ist oder nicht, kann nachfolgend im Interview nachgelesen werden.
«Die Schweizer Gesellschaft hat eine Grundsympathie für den Beruf Bauer»
Die Berner Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher und der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller befassen sich intensiv mit Agrarfragen. Im Interview beantworten beide die gleichen Fragen zum Erfolg bäuerlicher Vertreter in der Schweizer Politik – mit erstaunlich vielen Überschneidungen, trotz unterschiedlicher politischer Lager...
Warum wählen die Menschen in der Schweiz so häufig Landwirte und Landwirtinnen in politische Ämter?
Müller: Landwirtinnen und Landwirte sind in ihren Gemeinden stark verankert. Sie sind sichtbar, ansprechbar und übernehmen Verantwortung. Viele Menschen schätzen diese Bodenständigkeit und Nähe zur Realität.
Badertscher: Aus meiner Zeit als Gemeinderätin in Madiswil BE weiss ich: Menschen aus der Landwirtschaft übernehmen früh Verantwortung – in Gemeinden, Vereinen oder etwa bei der Feuerwehr. Der politische Weg führt meist über die Gemeinde- und später die Kantonsebene, selten direkt ins nationale Parlament. Landwirtinnen und Landwirte sind es gewohnt, mehr zu leisten als gefordert, Verantwortung zu tragen und nicht um 17 Uhr Feierabend zu machen. Dieses Engagement zeigt sich auch politisch. Hinzu kommt eine Grundsympathie in der Bevölkerung: Der Beruf des Bauern gilt als bodenständig, konkret und «echt» – ein Bild, mit dem sich viele identifizieren können.
Wenn wir über Bauern in der Politik reden, so darf ein Name nicht fehlen: Unser Alt-Bundesrat Ueli Maurer. Jahrelang lebte er in beiden Welten, der Landwirtschaft und der Politik. Wenn er zurückblickt, wäre er lieber Bauer als Politiker geworden. «Körperliche Arbeit gibt einem mehr als einen vollen Papierkorb am Ende des Tages», so Maurer in unserem Podcast. Er ist überzeugt, dass viele Bauern, die heute in der Politik aktiv sind, mehr als nur Politiker sind. Sie seien Generalisten mit Know-How wie kaum eine andere Berufsgattung. Ihr breit gefächertes Wissen nutzen sie bei der Beratung von komplexen Themen in unterschiedlichen Bereichen. Aus diesem Grund würden sie in Politikerkreisen einen grossen Respekt geniessen.
Im nachfolgenden Podcast schätzt Alt-Bundesrat Ueli Maurer zudem die vielerorts kritisierte überproportionale Präsenz von Bauern in der Politik ein und führt seine Haltung gegenüber der Bauernlobby aus:
Das Wichtigste in Kürze:
- Im 19. Jahrhundert arbeitete rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung in der Landwirtschaft, war politisch aber untervertreten. Mit der Organisation in Verbänden und Genossenschaften gewann der Berufsstand politischen Einfluss.
- Während und nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich der Wunsch der Bauern nach politischer Mitsprache. 1917 wurde die Bauernpartei gegründet, aus der später die SVP entstand.
- Heute haben rund 14,2 % der Mitglieder des Schweizer Parlaments einen landwirtschaftlichen Hintergrund – deutlich mehr als andere Wirtschaftssektoren.
- Die Mehrheit der bäuerlichen Parlamentarier gehört der SVP an, doch auch andere Parteien – etwa die Mitte, die Grünen oder die FDP – haben Vertreter aus der Landwirtschaft.
- Bauern sind oft stark in ihren Gemeinden verankert, sichtbar und übernehmen lokale Verantwortung. Zudem bringen sie breites praktisches Wissen mit, was ihnen in der Politik Respekt verschafft und ihre überproportionale Präsenz teilweise erklärt.