Ein präziser Schnitt in die DNA – und eine Pflanze ist widerstandsfähiger gegen Krankheiten oder extreme Trockenheit. Was futuristisch klingt, ist in vielen Labors längst Realität. Doch während für die einen solche neuen Züchtungsmethoden ein Durchbruch für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit darstellen, haben andere vor allem ethische Bedenken und wirtschaftliche Vorbehalte.
Revolution der Genomdynamik in Nyon
Wie können sich Kulturpflanzen an Stress wie den Klimawandel, Schädlinge oder Krankheiten anpassen? Von Natur aus geschieht dies sehr langsam: Bei der manuellen oder klassischen Kreuzungszüchtung werden zwei Sorten mit gewünschten Eigenschaften immer wieder miteinander gekreuzt, bis nach mehreren Generationen eine neue Variante entsteht, die beispielsweise besonders widerstandsfähig gegen Krankheiten ist. «Bei Weizen dauert dieser Prozess rund zwölf, bei Apfelsorten sogar 25 Jahre», erklärt Dr. Etienne Bucher im Video weiter unten.
Bucher ist Leiter der Forschungsgruppe für «Genomdynamik der Pflanzen» bei Agroscope, dem landwirtschaftlichen Forschungszentrum des Bundes. Er beschäftigt sich in seiner Forschungsarbeit täglich mit dem Erbgut von Pflanzen – etwa mit der Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln. Buchers Forschungsgruppe in Nyon VD hat sich zum Ziel gesetzt, die Kartoffelsorte «Erika» resistenter zu machen. Wie das geht? «Es gibt viele Sorten wilder Kartoffeln. Diese kann man zwar nicht verzehren, doch sie weisen interessante Resistenzgene auf», erklärt Bucher im Video.
Die Forschenden extrahieren die DNA der Wildkartoffeln und entschlüsseln danach ihr Genom, also die Gesamtheit ihrer Gene und DNA-Sequenzen. «So können wir das Resistenzgen finden», erläutert Bucher. Dieses resistente Gen bringen die Forscher danach in die Sorte «Erika» ein, die damit künftig besser gegen Krautfäule geschützt ist.
Diese im Video ersichtliche Züchtungsmethode wird cisgene Pflanzenzüchtung genannt: Dabei wird ein bestimmtes Gen gezielt entnommen und einer Sorte derselben oder einer eng verwandten Pflanzenart eingeführt – im Unterschied zur transgenen Züchtung, bei der Gene aus nicht verwandten Organismen stammen. «Dank neuen Züchtungsmethoden kann der von Natur aus langwierige Prozess auf vier Jahre verkürzt werden», resümiert Bucher im Video:
Alte und neue Züchtungsmethoden im Überblick
Traditionelle Methoden der Pflanzenzüchtung werden unter dem Überbegriff «Konventionelle Züchtung» zusammengefasst. Allen diese Methoden haben gemeinsam, dass keine gezielte Veränderung der DNA im Labor vorgenommen wird. Dazu gehört auch die ungezielte Mutagenese, die Bucher im Video erwähnt hat: Mithilfe von Strahlung oder Chemikalien werden zufällige Veränderungen im Erbgut ausgelöst. Aus den entstandenen Varianten wählen Züchterinnen und Züchter diejenigen mit den gewünschten Eigenschaften aus. Diese Methode ist derzeit in der Schweiz legal.
Im Gegensatz dazu greifen sogenannte «Neue Züchtungsmethoden» gezielt ins Erbgut ein. Neben der bereits erwähnten cis- und transgenen Züchtung auch das sogenannte Genome Editing. Zu diesem Verfahren gehört etwa die Methode «CRISPR/Cas», bei der die DNA an einer bestimmten Stelle durch ein spezifisches Enzym chemisch «geschnitten» wird. Ein vorhandenes Gen wird dadurch ausgeschalten, verändert oder es wird ein neues Gen eingefügt. Es bleibt im Unterschied zur cis- und transgenen Züchtung aber alles weitgehend eigenes Erbgut.
All diese neuen Methoden stellen Formen der «gezielten» Mutagenese dar, also Techniken, die Mutationen an spezifischen DNA-Stellen erzeugen. Nicht alle dieser neuen Züchtungsmethoden sind in der Schweizer gesetzlich erlaubt, wenn es um den Einsatz der Pflanzen in der Praxis geht: «Gezielte Mutagenese sowie klassische gentechnische Verfahren sind aktuell unzulässig», erklärt Dr. iur. Jürg Niklaus, Vereinspräsident von «Sorten für morgen» am Ende dieses Beitrags im Interview.
«CRISPR» ist die Abkürzung für «Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats», zu Deutsch etwa: gruppierte, regelmässig angeordnete kurze palindromische DNA-Sequenzen. Sie sind Teil eines Abwehrsystems von Bakterien gegen Viren. «Cas» steht für «CRISPR-associated protein», also «CRISPR-assoziiertes Eiweiss». Dabei handelt es sich um Enzyme, von denen einige – wie das bekannte Cas9 etwa – die das gezielte «Schneiden» der DNA übernehmen.
Modernen Technologien eine Chance geben
Der Verein «Sorten für morgen» hat sich zum Ziel gesetzt, robuste und leistungsfähige Pflanzensorten zu erreichen, «welche für eine ressourcenschonende Lebensmittelproduktion eingesetzt werden können», wie der politisch unabhängige Verein auf seiner Webseite schreibt. Dabei werde aber keine artfremde DNA in Organismen eingebracht.
«Derzeit warten wir auf die Auswertung der Vernehmlassung zum Bundesgesetz über Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien sowie die entsprechende Botschaft», sagt Vereinspräsident Niklaus im Interview. Die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) kritisiert den entsprechenden Gesetzesentwurf aus ethisch-rechtlicher Perspektive In ihrer Stellungnahme vom 20. Mai 2025 grundlegend:
Sie bemängelt etwa unklare Begriffe und Definitionslücken oder warnt vor der Schaffung eines separaten Spezialgesetzes statt einer klareren Regelung im bestehenden Gentechnikgesetz. Die EKAH spricht sich zudem für klare Risikobeurteilungen, aussagekräftige Kennzeichnungen auf Verpackungen im Handel und damit verbunden für die Sicherstellung der Wahlfreiheit für Konsumentinnen und Konsumenten aus.
Kritik von allen Seiten zum Gesetzesentwurf
Nicht nur die Ethikkommission ist unzufrieden mit dem Entwurf zum neuen Bundesgesetz. Auch der Verein Sorten für morgen hat den Gesetzesentwurf zurückgewiesen. Aus seiner Sicht sei er in Teilen nicht praxistauglich, zu restriktiv und nicht anschlussfähig an internationale Entwicklungen.
Eine international anschlussfähige Lösung sei etwa nötig, da die Schweiz mit einem Selbstversorgungsgrad von 50 Prozent stark mit dem Ausland verflochten sei, sagt Jürg Niklaus im Interview. «Wir stehen im Austausch mit verschiedenen Ländern: In den USA und Brasilien fallen neue Züchtungstechnologien (NZT) unter keine speziellen Gentechnik-Bestimmungen, China und Grossbritannien verfolgen eine vereinfachte Regulierung», so der Vereinspräsident weiter.
Für die Schweiz besonders relevant sei jedoch die Richtung, welche als wichtigste Handelspartnerin die EU einschlage, sagt Niklaus. Welche Richtung sich dabei abzeichne, und warum die Methode CRISPR/Cas seit Kurzem in aller Munde ist, erklärt der Rechtsanwalt und Vereinspräsident im untenstehenden Interview ebenso.
«Kartoffel bleibt Kartoffel.»
Dr. iur. Jürg Niklaus interessiert sich als Rechtsanwalt nicht nur für ökonomische Zusammenhänge, sondern als Präsident des Vereins «Sorten für morgen» auch für starke Pflanzenzüchtung und Offenheit gegenüber neuen Züchtungsverfahren.
Herr Niklaus, Sie sind Präsident des Vereins „Sorten für morgen“. Was ist Sinn und Zweck des Vereins?
Wir setzen uns für eine starke Pflanzenzüchtung in der Schweiz ein, wobei uns insbesondere die neuen Züchtungstechnologien (NZT) rund um die sogenannte Genom-Editierung interessieren. Diese neuen Technologien haben grosses Potenzial, robuste Pflanzensorten zu züchten.
Welche Züchtungsmethoden sind in der Schweiz derzeit rechtlich erlaubt? Und wo kommen sie konkret zum Einsatz?
Erlaubt sind herkömmliche Methoden wie etwa Auslesezüchtung oder Kreuzungszüchtung sowie die ungezielte Mutagenese. Letztere wird auch in der Schweiz seit Jahrzehnten ohne Probleme angewendet.
Von einer neuen Initiative zu Dialog führenden Pflanzen
Gentechnisch veränderte Produkte sollen klar gekennzeichnet sein. Und für jeden Gentech-Organismus braucht es eine umfassende Risikoprüfung. Dies ist nicht nur der EKAH und gewissen Konsumentenschutzorganisationen wichtig, sondern dies sind auch Forderungen der Ende Februar 2026 eingereichten Lebensmittel-Initiative.
Die Initianten fordern ausserdem den Schutz für die gentechnikfreie Landwirtschaft und eine Einschränkung von Patenten. Aufgrund der tiefen Geschwindigkeit im parlamentarischen Prozess erfolgt die Abstimmung zu dieser Volksinitiative jedoch frühestens im Herbst 2027.
Gentechnik bleibt ein hitziges Feld – und wie grundlegend die Differenzen sind, zeigt ein intensives Streitgespräch zwischen dem Agroscope-Forscher Dr. Roland Peter und dem Bio-Pionier Martin Ott. In unserer aktuellen Podcast-Folge prallen zwei Perspektiven aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten:
Ott denkt Züchtung konsequent ganzheitlich. Pflanzen seien Teil eines komplexen Systems – und keine isolierten Einheiten: «Eine Maissorte tritt bei uns in ein Zwiegespräch mit dem Mikrobiom des Bodens, das ihr den nötigen Stickstoff liefert.» Auf einem konventionell gedüngten Feld hingegen habe dieselbe Pflanze keine Chance. Für den Bio-Pionier und ehemaligen Stiftungsratspräsident des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) Schweiz ist klar: Landwirtschaft muss als Zusammenspiel verstanden werden – nicht als technische Optimierung einzelner Eigenschaften.
Peter hält dagegen – und verweist auf den steigenden Druck auf die Landwirtschaft: «Wir müssen auf immer begrenzterem Platz immer mehr Erträge erzielen.» Das Idealbild einer «dialogführenden Pflanze» greife zu kurz. Züchtung sei seit jeher ein Eingriff ins Genom, ob klassisch oder modern: «Auch der konventionelle Züchter arbeitet mit Veränderungen – er wählt am Ende einfach jene Pflanzen aus, bei denen die Mutation am besten funktioniert.»
Eine zutiefst philosophische Debatte
Besonders hitzig wird das Streitgespräch beim
unterschiedlichen Umgang mit Resistenzen. Ott kritisiert, weltweit entstünden
im Rhythmus weniger Jahre immer neue Sorten, während sich entsprechende
Krankheitserreger fast ebenso schnell anpassten. «Wenn man das weiterdenkt,
haben wir einen Pilz am Ende gelehrt, alle möglichen Resistenzen zu
durchbrechen.» Peter kontert, das Wettrennen zwischen Pilz und Pflanze sei so
alt wie die Landwirtschaft selbst, worauf Ott das gängige Bild des
«Wettrennens» vehement ablehnt: «Wir müssen den Pflanzen keine Rüstung
anziehen, sondern ihnen eine Sprache lehren, mit der sie mit ihren Feinden
kommunizieren können».
Das Wichtigste in Kürze:
- Während konventionelle Pflanzenzüchtung ohne gezielte Genveränderungen arbeitet, greifen neue Methoden wie cisgene und transgene Verfahren oder Genome Editing gezielt ins Erbgut ein.
- Bei neuen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas «schneiden» bestimmte Enzyme gezielt in die DNA von Pflanzen und können so Eigenschaften wie Krankheitsresistenz oder Klimastress-Toleranz deutlich schneller erzeugen als klassische Züchtung.
- In der Schweiz ist der Einsatz vieler neuer Züchtungsmethoden noch nicht gesetzlich erlaubt. Politik, Wissenschaften, Landwirtschaft und Organisationen diskutieren intensiv darüber, wie solche Technologien künftig gesetzlich geregelt werden sollen.
- Sowohl Fachorganisationen als auch Ethikgremien kritisieren den Gesetzesentwurf zur Handhabung von Kulturpflanzen, die durch neue Züchtungsmethoden entstanden sind. Kritikpunkte sind etwa unklare Definitionen oder fehlende Regeln zur Risikobewertung und Kennzeichnung im Handel.