Wer bestimmt eigentlich wie unsere Landwirtschaft funktioniert?
Das Wichtigste in Kürze
- Die Landwirtschaft ist eine multifunktionale Branche: die vielfältige Zielkonflikte zwischen Produktion, Umwelt, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichen Erwartungen ausbalancieren muss
- Es gibt gesetzliche Vorgaben: welche die Aufgaben der Schweizer Landwirtschaft vorgeben
- Die Akteure der Agrarpolitik sind sehr vielfältig: Von Bauern über Behörden und Verbänden bis hin zu Konsumenten und Umweltorganisationen
- Die Landwirtschaft hat sich gesellschaftlich gewandelt: und die ökologische Ausrichtung hat an Bedeutung gewonnen
- Die Anzahl Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz nimmt stark ab: Seit 2000 bis 2023 konnte eine Reduktion der Anzahl Betriebe von 33% beobachtet werden
- Direktzahlungen sind ein Steuerungsinstrument der Landwirtschaft: Wer sie erhält, muss bestimmte Leistungen erbringen und Auflagen erfüllen.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie eigentlich entschieden wird, was auf unseren Tellern landet? Wer bestimmt, wie unsere Landwirtschaft funktioniert, welche Lebensmittel wir konsumieren und welche Rolle Umwelt- und Tierschutz dabei spielen? Wie kann es sein, dass die Lebensmittel im Verhältnis zu früher immer günstiger werden?
Dem allem liegt die Agrarpolitik (AP) zu Grunde. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus Gesetzen, Direktzahlungen und den unterschiedlichen Interessengruppen von Landwirt/innen, Konsument/innen und Umweltorganisationen und sie betrifft uns alle, auch wenn wir oft nicht direkt hinschauen.
Die Rolle der Agrarpolitik
Gesetzlich wird vorgeschrieben, dass die Schweizer Landwirtschaft die Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Umwelt- und Tierschutzanliegen zu erfüllen hat. Durch ihre Multifunktionalität und ihr breites Aufgabengebiet ist die Landwirtschaft geprägt von Zielkonflikten. Genau hier setzt die Agrarpolitik an: Sie hat die Aufgabe, die vielfältigen Funktionen der Landwirtschaft zu vereinen und gezielt zu steuern, damit diese unterschiedlichen Ziele bestmöglich erreicht werden können. Doch starke Importkonkurrenz, sinkende Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für nachhaltige Produkte oder der limitierte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sorgen für Unruhe im Sektor der Landwirtschaft. Ausserdem hat die Schweiz 2021 eine langfristige Klimastrategie verabschiedet mit dem Ziel, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen (Pariser Abkommen).
175 Jahre Agrarpolitik – die Anfänge
Nach der Lebensmittelknappheit des zweiten Weltkriegs bis in die 60er Jahre war die Situation geprägt von Stabilität, da der Bund als “treuer Käufer” die Produkte zu garantierten Preisen abnahm. Die Produktionssteigerung - ausgelöst durch die “Grüne und Maschinelle Revolution” - erreichte die Produktion eine einmalige Ausdehnung. Danach wurden die garantierten Absatzpreise wieder schrittweise aufgehoben. Während sich die Rolle der produzierenden Landwirtschaft in der Gesellschaft gewandelt hat, ist das Bewusstsein für ökologische Themen deutlich gestiegen.
Vor der Einführung des Direktzahlungssystems in der Schweiz Anfang der 90er Jahre, das oft fälschlicherweise mit Subventionen gleichgesetzt wird, erzielten die Landwirt/innen für einen Liter Milch den doppelten Erlös im Vergleich zu heute. Und dies bei jährlich steigenden Produktionskosten.
Strukturwandel – eine Standesaufnahme
Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz 70’537 Landwirtschaftsbetriebe, 2023 wurden in der Schweiz nur 47’075 Betriebe gezählt. Eine Reduktion von 33 Prozent und der strukturelle Wandel der Schweizer Landwirtschaft geht laut Bundesamt für Statistik weiter: Im Berichtsjahr bewirtschaftete ein Betrieb im Durchschnitt eine Fläche von 22,1 Hektaren, Tendenz zunehmend. Während die Zahl der Betriebe mit einer Fläche unter 30 ha rückläufig war, nahm die Zahl der Betriebe ab 30 ha zu. Das zeigt, dass jene Betriebe, die unter den gegebenen Umständen bestehen bleiben, immer grösser werden. Ein weiteres Zahlenbeispiel verdeutlicht die Entwicklung: Während 1990 der Selbstversorgungsgrad noch 62 Prozent betrug, sank er 2024 netto unter 50 Prozent.
Was ist die Rolle des Bundes?
Der Bund spielt in der Agrarpolitikeine zentrale Rolle, indem er die Rahmenbedingungen für die landwirtschaftliche Produktion festlegt, den sogenannten „agrarpolitischen Rahmen“. Diese Vorgaben und Bedingungen prägen die Art und Weise, wie produziert wird. Die Grundsätze dazu sind in den Artikeln 104 und 104a der Schweizerischen Bundesverfassung festgehalten. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erarbeitet unter Einbezug der relevanten Zielgruppen jeweils die entsprechenden Strategien und Massnahmen mit dem Ziel, dass Bäuerinnen und Bauern nachhaltig und auf den Markt ausgerichtet produzieren und zudem die Ernährungssicherheit für die Schweizer Bevölkerung sicherstellen.
Die agrarpolitischen Instrumente im Überblick
Die wichtigsten zwei Politikinstrumente in unserer Landwirtschaft, die bei fast jeder Diskussion auftauchen sind Direktzahlungen und der Grenzschutz. Mit der Einführung der Direktzahlungen sollte der Preisdruck auf die Konsument:innen durch stabile Lebensmittelpreise gemindert werden, andererseits sollten die Landwirt:innen für steigende Produktionskosten entschädigt werden. Im Laufe der Zeit wurden diese Zahlungen zunehmend an ökologische Leistungen gekoppelt. Heute ist es so geregelt, dass ein Landwirt nur mit Einhaltung des ökologischen Leistungsnachweises direktzahlungsberechtigt ist. Ein Grossteil der Direktzahlungen wird durch das Einhalten von konkreten Umwelt- oder Tierwohlmassnahmen ausgezahlt.
Agrarbericht als Datengrundlage
Als gute Datengrundlage erweist sich die jährliche Online-Publikation des BLW in Form eines Agrarberichtes www.agrarbericht.ch. Dieser informiert über die Weiterentwicklung der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft mit Zahlen und Fakten. Er analysiert, wie die finanziellen Mittel in diesem Bereich verteilt wurden und zeigt Entwicklungen bei den agrarpolitischen Massnahmen auf. Während die Bundesausgaben insgesamt jährlich stark zunehmen, sind die Ausgaben für die Agrar- und Ernährungswirtschaft seit 2000 weitgehend konstant geblieben. Die Agrarpolitik wird alle vier Jahre neu festgelegt. Dabei werden Ziele, Ausrichtung und Instrumente überprüft und angepasst. Wir blicken gespannt auf die nächste Reform, nämlich die AP2030!
Den ausführlichen Bericht zum Direktzahlungssystem der Schweiz erscheint in einer späteren Episode, verfolgen sie die Familie Richter und verpassen keine spannenden Einblicke.