Folgende Fragen werden im Artikel beantwortet:
- Zu wie viel Prozent sind wir in der Lebensmittelproduktion unabhängig vom Ausland?
- Was ist der Unterschied zwischen dem «bereinigten» und dem «unbereinigten» Selbstversorgungsgrad?
- Wie «rein» ist der «bereinigte» oder Netto-Selbstversorgungsgrad wirklich?
- Wie hat sich diese Kennzahl historisch verändert?
- Welche Lebensmittel haben in der Schweiz einen hohen Selbstversorgungsgrad, welche einen niedrigen?
- Was geschieht mit der Versorgung der Schweizer Bevölkerung, wenn internationale Lieferketten zusammenbrechen?
Wir leben in einer globalisierten Welt. Auch die Schweiz ist, je nach Produkt, stark auf Importe aus dem Ausland angewiesen. Doch wie gut kommt unser Land zurecht, wenn internationale Lieferketten wegen geopolitischer Konflikte, Pandemien oder Naturkatastrophen zusammenbrechen? Was passiert, wenn wichtige Handelspartner Sanktionen verhängen, die den Handel einschränken?
Die Versorgung unseres Landes mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen ist in erster Linie Sache der Privatwirtschaft. Doch wenn die Privatwirtschaft dieser Aufgabe in einer ausserordentlichen Situation nicht mehr nachkommen kann, greift der Bund – mit Unterstützung der Kantone – mit gezielten Massnahmen ins Wirtschaftsgeschehen ein.
Brutto- und Nett-Selbstversorgungsgrad: «Jede zweite Mahlzeit ist importiert»
Dabei misst der «unbereinigte» oder «Brutto»-Selbstversorgungsgrad, welchen Anteil der in der Schweiz konsumierten Lebensmittelmenge auch in der Schweiz produziert wurde, ohne die Herkunft der Futtermittel für Nutztiere zu berücksichtigen. Der «Netto»- bzw. «bereinigte» Selbstversorgungsgrad hingegen differenziert im Bereich der tierischen Produktion, indem er die importierte Futtermenge vom Brutto-Selbstversorgungsgrad abzieht.
Die komplette Wahrheit, welchen Anteil die Schweizer Landwirtschaft für die Schweiz produziert, liefere aber auch der Netto-Selbstversorgungsgrad nicht, denn auch bei Dünger, Pflanzenschutzmittel oder Saatgut bestehe eine – teils sehr hohe – Importabhängigkeit, was der Netto-Selbstversorgungsgrad nicht berücksichtige. Dies sagt ETH-Agronom Simon Lanz Ende November 2025 im Podcast «Familie Richter». Lanz leitet am Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) den Fachbereich Agrarpolitik und Strategieentwicklung.
Video der Woche
Die Kennzahl im Lauf der Zeit
Im Schweizer Gesetz steht kein fixer Wert, den der hiesige Selbstversorgungsgrad erreichen muss. Vor dem Ersten Weltkrieg lag der Wert geschätzt bei 66 Prozent und sank dann bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf 52 Prozent. 1940 kam der «Plan Wahlen» zum Einsatz, ein Programm zur Förderung des innerschweizerischen Lebensmittelanbaus während des 2. Weltkriegs. Umgangssprachlich wurde der «Plan Wahlen» als «Anbauschlacht» bezeichnet, wie bereits Silvana Roffler im Video oben erwähnt hat.
Obwohl der Selbstversorgungsgrad bis im Jahr 1945 auf 59 Prozent – manche Quellen sprechen sogar von 70 Prozent – stieg, sank die durchschnittliche Kalorienmenge jedoch. Die Anbauschlacht hatte deshalb vor allem eine grosse symbolische Bedeutung. Anfang der 1990er-Jahre betrug die Kennzahl unserer inländischen Ernährungssicherheit brutto noch 62 Prozent, seither sank sie aber stetig.
Der Bundesrat hat sich mit dem Thema unserer Versorgungssicherheit immer wieder auseinandergesetzt und in einem Bericht aus dem Jahr 2022 das Ziel formuliert, bis im Jahr 2050 einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 50 Prozent zu erreichen.
Doch ist die Ernährungssicherheit mit 50 Prozent Selbstversorgungsgrad erreicht? Was sagt diese Kennzahl denn nun wirklich aus? Darauf geht Simon Lanz im Podcast detailliert ein.
Podcast-Folge der Woche
Grosse Unterschiede je nach Produkt
Wie im Podcast ausgeführt, unterscheidet sich der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz je nach konsumierten Produkten teils stark. Bei Reis oder Zitrusfrüchten sind wir fast zu 100 Prozent von Importen abhängig, und auch bei Fisch liege der Selbstversorgungsgrad gerade mal bei 2 Prozent, wie Simon Lanz im Podcast ausführte. Und während der Selbstversorgungsgrad im Pflanzenbau mit durchschnittlich 35 Prozent schon deutlich höher liegt, quillt er bei tierischen Produkten sogar regelrecht über:
Der Durchschnitt betrage hier 95 Prozent, bei Milch- und Käseprodukten aber klar über 100 Prozent. «Mit einem Selbstversorgungsgrad von 113 Prozent ist Käse unser wichtigstes Exportprodukt», so Lanz. Mit 80 bis 90 Prozent liegt der Selbstversorgungsgrad von Schweizer Fleisch etwas tiefer, bei den Eiern sind mit einem Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent beinahe die Hälfte aus dem Ausland importiert.
Statistik der Woche
Hast du gewusst, dass...?
Anstieg um jeden Preis? Das geschieht aktuell in der Politik
Der Netto-Selbstversorgungsgrad in der Schweiz schwankt aufgrund wechselnder Wetterbedingungen insbesondere in der pflanzlichen Produktion stark. Doch das Wetter ist nicht der Grund, weshalb der Selbstversorgungsgrad seit Jahren im Abwärtstrend liegt: In den letzten 30 Jahren hat auch der Anteil Biodiversitätsförderflächen in der Schweiz stetig zugenommen – wie auch das Wachstum unserer Bevölkerung und damit die Nachfrage nach Lebensmittel sowie der Anteil an Siedlungsflächen. Zwischen 2011 bis 2022 ist der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz somit netto um elf Prozentpunkte zurückgegangen.
«Unsere Ernährung hat sich in den letzten fünfzig Jahren extrem gewandelt und ist immer internationaler geworden», sagt die ausgebildete Humangeografin Monika Loddenkemper im zweiten Video, und studiert den Speiseplan eines Zürcher Restaurants. Welche Kompromisse müsste die Schweiz eingehen, würde sie sich komplett selbst versorgen? Diese Frage beantwortet Stefan Mann von Agroscope in der zweiten Hälfte des Videos:
Zusatz-Video
Kein Garant für Versorgungssicherheit
Ein hoher Selbstversorgungsgrad stärkt die staatliche Resilienz, macht unser Land unabhängiger vom Ausland und kann dazu beitragen, die Ernährungssicherheit zu erhöhen. Doch ein absoluter Garant für Ernährungssicherheit ist diese Kennzahl nicht, zu viele Faktoren spielen mit rein: eine funktionierende Logistik und Lagerhaltung, stabile Preise und Kaufkraft oder eine nachhaltige Produktion, die nicht durch Klimaextreme ausfällt.
Was passiert, wenn Lieferketten reissen?
Im Interview am Ende dieses Beitrags erklärt Jaakko Havela, Kommunikationsspezialist beim BWL, welche Kategorien das Pflichtwarenlager der Schweiz umfasst und wie die Schweiz im Krisenfall im Bereich Ernährung konkret vorgeht. Havela erinnert sich auch an eine konkrete Situation, in der die Schweiz auf ihre Pflichtlager angewiesen war: «Aufgrund von globalen Lieferproblemen, hohen Energiepreisen und tiefem Rheinwasserstand – der Rhein ist ein zentraler Transportweg – kam es Ende 2021 zu einem Engpass bei Stickstoffdünger. Die Händler konnten nicht ausreichend Dünger beziehen, was die Versorgungskette gefährdete. Daraufhin öffnete der Bund die Pflichtlager, damit Landwirte rechtzeitig säen und düngen konnten und die Ernte im Folgejahr gesichert war.»
Petra Vogel erklärt im Interview als Kantonale Delegierte für Wirtschaftliche Landesversorgung Zürich zudem den Sinn und Zweck eines persönlichen Notvorrats bei sich zu Hause, und was in diesen alles gehört. Wieso braucht es die Wirtschaftliche Landesversorgung auch auf kantonaler Ebene? «Die Kantone unterstützen den Bund in der Umsetzung von Massnahmen und vor allem in der Kommunikation mit der lokalen Öffentlichkeit», so Vogel.
Interview der Woche
Was, wenn der Sirenentest kein Test ist?
Petra Vogel, Kantonale Delegierte für Wirtschaftliche Landesversorgung Zürich, erklärt im Interview Sinn und Zweck des persönlichen Notvorrats. Jaakko Havela vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung erläutert zudem, wie der Bund im Krisenfall die Versorgung sicherstellt.
Frau Vogel, warum ist es sinnvoll, zu Hause einen persönlichen Notvorrat zu halten?
Petra Vogel: Nicht nur eine weltweite Pandemie kann das Land lahmlegen. Was, wenn der Strom über längere Zeit ausfällt und die Supermärkte und Tankstellen geschlossen bleiben? Oder wenn Sie das Haus wegen eines Unfalls in einem Chemiebetrieb nicht mehr verlassen können? Auch Naturkatastrophen sind in der Schweiz möglich: Stürme, Hochwasser oder extrem hohe oder tiefe Temperaturen können jederzeit zu einer Notlage und einem Engpass in der Versorgung führen. Mit dem Notvorrat können solche unvorhergesehenen Situationen überbrückt und einige Tage Versorgungsunabhängigkeit sichergestellt werden. Sie vermeiden so auch, bei einer drohenden Mangellage Hamsterkäufe tätigen zu müssen – und können gelassener damit umgehen, wenn mal ein Regal ein paar Tage leer bleibt.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Selbstversorgungsgrad ist eine wichtige Kennzahl für die Ernährungs- und Versorgungssicherheit der Schweiz. Sie sagt aus, wie viel Prozent der Lebensmittel, die wir in der Schweiz konsumieren, auch in der Schweiz produziert wurde.
- Der Brutto-Selbstversorgungsgrad beträgt derzeit 54% – netto beträgt die Kennzahl 47%.
- Der Netto-Selbstversorgungsgrad differenziert im Bereich der tierischen Produktion: Die importierte Futtermenge wird vom Brutto-Selbstversorgungsgrad subtrahiert.
- Im Laufe der letzten 30 Jahre ist der Selbstversorgungsgrad stetig gesunken.
- Wenn Lieferketten reissen, kann das Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Pflichtlager des Bundes öffnen und die Bevölkerung für eine gewisse Zeit weiterhin versorgen.