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Familie Richter - Hauptartikel

Spannungsfeld Bevölkerungswachstum & Fruchtfolgeflächen

Wie lässt sich der Schutz von wertvollem Ackerland mit dem steigenden Platzbedarf einer wachsenden Wohnbevölkerung vereinbaren? Bild: KI-generiert (ChatGPT)

Das rasante Bevölkerungswachstum und der Schutz der Fruchtfolgeflächen in der Schweiz stehen in einem zunehmenden SpannungsfeldMehr Menschen in unserem Land bedeutet automatisch einen höheren Bedarf an Wohnraum, aber auch an Nahrung. Beides benötigt Fläche, doch sowohl die zum Wohnen als auch die für den Anbau geeignete Fläche in der Schweiz ist begrenzt.  

Wenn man auf Lebensmittel aus inländischer Produktion setzt, ist es somit ein Ding der Unmöglichkeit, beide Bedürfnisse – Wohnraum und inländische Nahrung – gleichzeitig optimal zu erfüllen. Auf genau dieses Spannungsfeld werfen wir nachfolgend einen genaueren Blick. 

Auch dieses Mal stellt sich die Familie Richter wieder...
...wichtige Fragen, die Natur und Gesellschaft betreffen.

Trotz einer historisch tiefen Geburtsrate von 1,29 Kinder pro Frau in der Schweiz wächst die Schweizer Bevölkerung jährlich um 60’000 bis 80’000 Personen – laut Bundesamt für Statistik (BfS) könnten wir im Jahr 2040 bereits die 10-Millionen-Marke knacken. Grund für das Wachstum ist besonders die Migration: Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte – und diese kommen zu einem grossen Teil aus dem Ausland 

Tatsächlich erfolgt ein Grossteil der Immigration in die Schweiz als Familiennachzug oder wegen Arbeit, während Asyl nicht einmal 20 Prozent der Nettozuwanderung ausmacht. Zudem nimmt die Lebenserwartung von in der Schweiz lebenden Menschen stetig zu: Bereits im Jahr 2050 kommen auf eine pensionierte Person in der Schweiz nur noch zwei Erwerbstätige 

Die wachsende Gesamtbevölkerung geht auch mit einem wachsenden Bedarf an Wohnmöglichkeiten einher, es müssen neue Häuser und Wohnungen gebaut werden, Siedlungen, Energieanlagen und Infrastrukturen müssen sich vergrössern. Doch wo gebaut wird, fällt oft Landschaftsfläche dem Wohnbedarf «zum Opfer». 

Wie schnell betoniert die Schweiz ihr Ackerland zu?  

Wieso das ein «Opfer» ist? Grosse Teile der neu bebauten Flächen waren landwirtschaftlich wertvoll und wurden für den Ackerbau genutzt, man bezeichnete sie als sogenannte «Fruchtfolgeflächen», wie im Familie Richter-Beitrag vom 14. Oktober 2025 ausführlich erläutert wurde.  

Zwar sind Fruchtfolgeflächen in der Schweiz durch den sogenannten «Sachplan FFF» seit 1992 mit einem Mindestumfang von 438’460 Hektar geschützt – das entspricht rund 615’000 Fussballfeldern oder rund dreimal der Fläche des Kantons Luzern. Was nach einer grossen Fläche klingt, muss aber differenziert betrachtet werden, denn: Jede Sekunde wird in der Schweiz durchschnittlich ein Quadratmeter Landwirtschaftsfläche überbaut.  

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Somit haben wir «gesamtschweizerisch in den letzten zehn Jahren die Fläche des Kantons Schaffhausen auf Kosten von Landwirtschaftsland überbaut,» bringt Marc Peter im Interview am Ende dieses Artikels die eigentliche Dramatik auf den Punkt. Peter ist Präsident der Kommission Ländlicher Raum & Gesellschaft beim Zürcher Bauernverband und praktizierender Landwirt. Damit erlebt er den fortschreitenden Verlust fruchtbarer Flächen hautnah.  

Im Interview ordnen er und Barbara Thalmann – Stadtpräsidentin von Uster ZH – den wachsenden Zielkonflikt zwischen Raumplanung und Landwirtschaft ein. Zuerst werfen wir aber einen Blick auf die Fakten der Woche:  


Interessante Zahlen und Fakten zum Thema Spannungsfeld FFF und Bevölkerungswachstum

Wald schützen, Acker opfern? Der Streit ums Niederfeld 

Aktuelle Projekte, bei denen wertvolle Fruchtfolgeflächen zugunsten der Siedlungsentwicklung überbaut werden sollen, gibt es hierzulande einige. Ein solches Brennpunkt-Gebiet ist seit einigen Monaten auch das Gebiet Niederfeld in Winterthur Wülflingen ZH: Für den Ausbau der Kläranlage ARA Hard muss ein Teil eines Waldes gerodet werden, doch «der Wald ist sehr stark geschützt – während die Fruchtfolgeflächen vergleichsweise wenig Schutz geniessen», sagt Marc Peter im Interview am Ende des Artikels. 

Als Kompensation dieser Waldrodung im Niederfeld, soll daneben «auf bestem Ackerland neues Waldgebiet aufgeforstet werden», sagt Landwirt Jan Ehrbar im nachfolgenden VideoEhrbar ist Stadtparlamentarier der SVP in Winterthur und Vorsteher der Interessengemeinschaft zum Schutz der Fruchtfolgeflächen (IG FFF). 

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Auf der Fläche, die die Stadt aufforsten will, produziert auch Landwirt Stefan Märki seine Lebensmittel: «Ich produziere Kürbis, Raps, Zuckerrüben und Brotgetreide – nach der geplanten Aufforstung würde mir ein ganzes Drittel meiner Produktionsfläche und somit auch ein Drittel meines Einkommens fehlen», so Märki im Video:

Die IG FFF ergriff gegen den Gestaltungsplan rund um die ARA Hard das Referendum und reichte Anfang März 2026 mit 1372 Unterschriften mehr als doppelt so viele ein wie für das Zustandekommen einer Abstimmung nötig gewesen wären. Ob Märkis oder Ehrbars Ackerland im Niederfeld nun für Ersatzaufforstung weichen soll, entscheidet damit bald die Winterthurer Bevölkerung. 

Die «Kompensationspflicht» – nur Symbolpolitik? 

Jeder überbaute Quadratmeter geht der Landwirtschaft und der Natur langfristig verloren. Deshalb setzen Städte auf kompakte Siedlungsentwicklung, Innenverdichtung und die Nutzung bestehender Baureserven statt auf neue Bauzonen auf der grünen Wiese.  Stadtpräsidentin Barbara Thalmann sieht den Zielkonflikt zwischen fruchtbaren Böden und wachsender Bevölkerung auch für Uster zunehmend konkreter werden: «Die Stadt steht kurz davor, so viel Fruchtfolgefläche verbaut zu haben, dass eine gesetzliche Kompensation Pflicht wird», sagt sie im Interview am Ende des Artikels.  

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Mit «Kompensation» ist in diesem Zusammenhang gemeint, was bereits für die Thematik rund ums Niederfeld in Winterthur angeschnitten wurde: Wenn durch Bauvorhaben Landwirtschaftsflächen – beim Niederfeld handelt es sich um Waldfläche – zerstört werden, müssen an anderer Stelle gleichwertige Flächen verbessert oder ökologisch aufgewertet werden. Eine solche Kompensation ist im Kanton Zürichwie auch in anderen Schweizer Kantonenab 5000 mPflicht.  

Für Marc Peter ist die Kompensationspflicht in vielen Fällen jedoch mehr Symbolpolitik als echtes Instrument, wie auch er im Interview am Ende dieses Artikels ausführt: «Der praktische Nutzen für die Landwirtschaft ist begrenzt. In jedem Fall sind überbaute Flächen aber verloren, auch wenn anderswo kompensiert wird», so Peter.  


Neue Bauzonen als Ausnahme: Der Kurs der Raumplanung 

Während die gesamtschweizerische Bevölkerung wohl in wenigen Jahren bereits die 10-Millionen-Marke überschreiten wirddürfte die Anzahl Einwohnende im bevölkerungsreichsten Schweizer Kanton – in Zürich – laut kantonalen Prognosen innert 30 Jahren um 20 Prozent anwachsen; von heute rund 1,6 auf 1,9 Millionensagt Benjamin Meyer im Podcast-Gespräch 

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Meyer leitet die Abteilung Raumplanung im Kanton Zürich und ist hierbei unter anderem verantwortlich für den kantonalen Ortsbild- und Landschaftsschutz, zudem prüft und erteilt er Bewilligungen ausserhalb der Bauzone. Im Rahmen seines Berufs ist der Kantonsplaner in Kontakt mit den verschiedenen Zürcher Gemeinden, Interessensverbänden, aber auch den Nachbarkantonen und dem Bund. 

«Langfristig sollen sowohl die Landschafts- als auch die Siedlungsqualität im Kanton Zürich so hoch sein wie im Moment – das ist die grosse Herausforderung, die wir in unserer Zusammenarbeit zu bewältigen versuchen», sagt Meyer. Eine Strategie zur Erreichung dieses Ziels sei die «innere Verdichtung», welche auch Barbara Thalmann im Interview erwähnt. Damit ist die kompakte Bebauung und Nutzung bereits bestehender Siedlungsflächen gemeint – zusätzlicher Boden wird dabei nicht verbraucht.  

«Neue Einzonungen sollen damit die absolute Ausnahme bleiben», betont Meyer, «vielmehr sollen noch nicht optimal ausgenutzte Areale weiter verdichtet werden». Bei neuen Bauprojekten stellt der Kantonsplaner eine Tendenz zu vermehrt kleineren Wohnungen fest – diese Tendenz sei jedoch nicht primär auf raumplanerische Überlegungen zurückzuführen, sondern in erster Linie eine Reaktion auf die entsprechende Nachfrage auf dem Markt.  

Und wo liegen die Grenzen der Verdichtung? «Dies ist letztendlich ein Aushandlungsprozess, den wir als Gesellschaft führen müssen», so Meyer im Podcast:  

Die Frage nach der Selbstversorgung 

Wie Meyer im Podcast erwähnt hat, dürfen Fruchtfolgeflächen nur dann überbaut werden, wenn das Interesse an ihrem Erhalt kleiner ist als das Interesse an der geplanten neuen Nutzung auf der entsprechenden Fläche. Doch was hat langfristig die höhere Priorität, der grösser werdende Wohnraum oder der konsequente Schutz von Fruchtfolgeflächen? 

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Für Barbara Thalmann ist langfristig beides ähnlich zentral: «Es geht nicht um ein «Entweder-oder», sondern um eine sorgfältige Balance in Politik und Planung», so die StadtpräsidentinGeht es nach Marc Peter, so ist der Kampf der Landwirtschaft um Flächen langfristig eher eine gesamtgesellschaftliche Entscheidung: «Wollen wir unsere Lebensgrundlage erhalten oder nicht?» – dies sei die grosse Frage, die wir uns alle gemeinsam stellen müssten, so Peter im nachfolgenden Interview. 

Wer produziert in Zukunft unsere Lebensmittel, die auf den überbauten Feldern nicht mehr angebaut werden können? Die Antwort: Langfristig werden ausländische Nationen vermehrt Essen für uns produzieren müssen, wenn der Verlust an fruchtbaren Böden in der Schweiz weiter abnimmt. Und die Konsequenzen? 

Die im Ausland produzierten Lebensmittel müssen in die Schweiz importiert werden – aufgrund weltwirtschaftlicher Unsicherheiten können Importmengen und –preise aber unberechenbar stark schwanken. Bei grösseren Handelskrisen oder auch Kriegen – wie es auch aktuell der Fall ist – können die Importunsicherheiten sogar zu massiven Engpässen und Mängeln führen. All diese weltwirtschaftlichen Zusammenhänge haben wir bei der Familie Richter im Dezember 2025 im Beitrag zum «Selbstversorgungsgrad» ausgeführt.

Lust, reinzuschauen?

Selbstversorgungsgrad: Wie viel CH steckt in unserem Essen?
Familie Richter – Hauptartikel
09. 12. 2025
Wir leben in einer globalisierten Welt. Auch die Schweiz ist, je nach Produkt, stark auf Importe aus dem Ausland angewiesen...
Interview mit Barbara Thalmann

«Uster steht kurz vor der Kompensationspflicht»

Als Stadtpräsidentin von Uster ZH steht Barbara Thalmann vor einem wachsenden Zielkonflikt der Raumplanung: mehr Wohnraum schaffen, ohne wertvolle Fruchtfolgeflächen zu opfern. Im Interview erklärt sie, warum der Handlungsspielraum einer Stadt wie Uster begrenzt ist und Verdichtung nur mit Qualität funktioniert. 

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Rückgangs der Fruchtfolgeflächen ein – schweizweit oder spezifisch im Kanton Zürich und um Uster? 
Das Bevölkerungswachstum und die Verdichtung stehen in einem Spannungsfeld zum Schutz der Fruchtfolgeflächen. Auch für eine Stadt wie Uster sind lokale Landwirtschaft, Versorgungssicherheit und ein sorgfältiger Umgang mit Boden zentrale Anliegen – ebenso wie die Förderung der Biodiversität. 

Boden ist eine begrenzte Ressource: Jeder überbaute Quadratmeter geht der Landwirtschaft und der Natur langfristig verloren. Deshalb setzen Städte auf kompakte Siedlungsentwicklung, Innenverdichtung und die Nutzung bestehender Baureserven statt auf neue Bauzonen auf der grünen Wiese. 

In Uster wird dieser Zielkonflikt zunehmend konkret: Die Stadt steht kurz davor, so viel Fruchtfolgefläche verbaut zu haben, dass eine gesetzliche Kompensation Plicht wird. Dies ist ab 5000 m2 der Fall. 

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Die Bevölkerung wächst stetig. Ist es für die Siedlungsentwicklung notwendig, auf Fruchtfolgeflächen zu bauen? Welche Alternativen sehen Sie?
Das kantonal festgelegte Siedlungsgebiet berücksichtigt die Fruchtfolgeflächen so weit wie möglich, damit wertvolle Landwirtschaftsflächen erhalten bleiben.  Im Fokus steht heute die Innenverdichtung: Bestehende Siedlungen sollen besser genutzt werden, statt neue Bauzonen auf der «grünen Wiese» zu schaffen. Dazu gehören das Schliessen von Baulücken und die Umnutzung unternutzter Areale wie Industriebrachen oder Parkplätze. So wird weniger Boden verbraucht, die Landschaft geschont und die vorhandene Infrastruktur (Verkehr, Ver- und Entsorgung, öffentliche Einrichtungen) effizient genutzt.  

Wie gross ist der Handlungsspielraum einer Stadt wie Uster beim Schutz von Fruchtfolgeflächen – und wo sind Ihnen die Hände gebunden? 

Der Handlungsspielraum ist begrenzt: Fruchtfolgeflächen sind im Kanton Zürich gesetzlich geschützt. Sie dürfen nur beansprucht werden, wenn ein überwiegendes öffentliches Interesse vorliegt. Dabei sind aber Kompensationsmassnahmen erforderlich.  
 
Verdichtung stösst in der Bevölkerung oft auf Widerstand. Wie gehen Sie als Stadtpräsidentin mit diesem Spannungsfeld um? 

Verdichtung ist aus meiner Sicht nur dann erfolgreich, wenn sie mit einer hohen baulichen und städtebaulichen Qualität verbunden ist. Dazu gehört nicht nur eine sorgfältige Gestaltung der Gebäude, sondern auch die bewusste Planung von Grünflächen und Aussenräumen. Gerade in dichter bebaute Gebieten sind attraktive Freiräume wichtig für die Lebensqualität und schaffen Orte für Erholung und Begegnung. 
 

Wenn neue, verdichtete Quartiere insgesamt als attraktiver und lebenswerter wahrgenommen werden als zuvor, steigt meist auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Verdichtung kann dann als Chance für eine qualitative Aufwertung des Wohnumfelds verstanden werden. 

 

Welche Bedeutung haben Fruchtfolgeflächen für den Selbstversorgungsgrad aus Ihrer Sicht? 

Fruchtfolgeflächen sind die ertragreichsten und am besten geeigneten Ackerflächen für die landwirtschaftliche Produktion. Sie bilden die Grundlage für den Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Kartoffeln oder Eiweisspflanzen. Indem diese Flächen langfristig gesichert und vor Überbauung geschützt werden, bleibt die Fähigkeit erhalten, einen wesentlichen Teil der Nahrungsmittel lokal und im eigenen Land zu produzieren. 
 

Für den Selbstversorgungsgrad bedeutet dies konkret: 
 

  • Je mehr qualitativ hochwertige Fruchtfolgeflächen erhalten bleiben, desto grösser ist das Potenzial, die Bevölkerung mit einheimischen und lokalen Lebensmitteln zu versorgen. 
     

  • Umgekehrt führt der Verlust solcher Flächen – etwa durch Siedlungs- oder Infrastrukturprojekte – zu einer grösseren Abhängigkeit von Lebensmittelimporten und macht das Ernährungssystem anfälliger für Krisen, Preisschwankungen und Lieferunterbrüche. 

 

Gab es in Uster zuletzt konkrete Projekte, bei denen zwischen Schutz von Fruchtfolgeflächen und Bauvorhaben abgewogen werden musste? Falls ja: Wie wurde entschieden? 
In der Stadt Uster gab es in den letzten Jahren mehrere konkrete Projekte, bei denen zwischen dem Schutz von Fruchtfolgeflächen und Bauvorhaben abgewogen werden musste. Dazu zählen insbesondere das Renaturierungsprojekt am Werrikerbach, das Hochwasserschutzprojekt am Riedikerbach, der Bau eines kantonalen Rad- und Gehwegs nach Freudwil sowie der Ersatzneubau der Buswendeschlaufe im Zusammenhang mit dem neuen Seerestaurant in Niederuster 

Bei all diesen Projekten waren teilweise Fruchtfolgeflächen betroffen. Im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Interessenabwägung wurde jedoch jeweils ein überwiegendes öffentliches Interesse festgestellt. Nach sorgfältiger Prüfung wurden alle Projekte vom Kanton Zürich bewilligt. 

 

Wie wirksam ist die Kompensationspflicht bei Flächenverlust als Schutzinstrument? 

Die Kompensationspflicht verlangt, dass «verlorene» Fruchtfolgeflächen an anderer Stelle ersetzt oder aufgewertet werden. So wird verhindert, dass ihr Gesamtbestand im Kanton schleichend abnimmt. Als Instrument ist sie deshalb grundsätzlich wirksam – zumindest in quantitativer Hinsicht. Qualitativ hat sie jedoch Grenzen: Besonders hochwertige oder gut gelegene Flächen lassen sich nicht exakt gleichwertig ersetzen. Entscheidend bleibt daher das Zusammenspiel mit einer zurückhaltenden Einzonungspolitik, konsequenter Innenentwicklung und einer sorgfältigen Interessenabwägung. 

 

Wenn sich der Druck weiter verschärft: Was hat für Sie langfristig Priorität – mehr Wohnraum oder der konsequente Schutz von Fruchtfolgeflächen? 

Die Frage beschreibt einen klassischen Zielkonflikt der Raumplanung: mehr Wohnraum schaffen versus landwirtschaftlich wertvolle Böden schützenBeides ist langfristig zentral – deshalb geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um eine sorgfältige Balance in Politik und Planung. 

Interview mit Marc Peter

«Der Schutz unserer Böden ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe»

Marc PeterPräsident der Kommission Ländlicher Raum & Gesellschaft beim Zürcher Bauernverband und praktizierender Landwirt, erlebt hautnah, welche schwierigen Entscheidungen Landwirte und Planer im Kanton Zürich zwischen Fruchtfolgeflächen und Bevölkerungswachstum treffen müssen. Im Interview erklärt er, warum jeder Quadratmeter Land zählt 

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Rückgangs der Fruchtfolgeflächen ein – schweizweit und insbesondere im Kanton Zürich? 
Im Kanton Zürich ist der Druck aufs Land sehr gross: Wir verlieren laufend sehr schnell sehr viele Flächen. Diese Entwicklung wurde bisher kaum gebremst. Gesamtschweizerisch haben wir in den letzten zehn Jahren die Fläche des Kantons Schaffhausen auf Kosten von Landwirtschafsland überbaut. Die Situation ist dramatisch.  
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Die Bevölkerung wächst – gleichzeitig sollen wertvolle Landwirtschaftsflächen erhalten bleiben. Ist dieser Spagat überhaupt realistisch? 
Theoretisch könnte man durch eine starke Verdichtung der bestehenden Siedlungen Platz schaffen. Die Frage ist aber, ob die Leute das überhaupt wollen. Auf kantonaler Ebene wird aktuell kein neues Siedlungsgebiet mehr ausgewiesen. Der Druck auf die Fruchtfolgeflächen ist aber weiter zunehmend. Der Bau von StrassenBahnstrassen, Renaturierungen und, besonders störend, Abhumusierungen für Naturschutzflächen erfolgt fast ausschliesslich ausserhalb der Bauzone und häufig auf Fruchtfolgeflächen. Ohne eine stärkere Gewichtung der Fruchtfolgeflächen in die Interessenabwägungen bei Bauprojekten werden wir weiterhin wertvollste Böden verlieren.  

Gemeinden setzen stark auf Verdichtung. Entlastet das die Landwirtschaft tatsächlich – oder verlagert sich der Druck einfach anderswohin? 
Teilweise schon. Eine stärkere Verdichtung kann helfen, Landwirtschaftsflächen zu schonen. Gleichzeitig verlagert sich der Druck aber: Je mehr nach innen verdichtet wird, desto stärker wird die Landwirtschaft auch als Naherholungsraum genutzt – was zu zusätzlichen Ansprüchen und Konflikten führen kann, etwa auf Flurwegen – den Wegen also, die eigentlich für den landwirtschaftlichen Verkehr vorgesehen sind. Zudem ist die Begeisterung für Verdichtungsvorhaben begrenzt. Gerade grössere Projekte wie Hochhäuser stossen oft auf Widerstand. Verdichtung ist also notwendig, aber gesellschaftlich nicht unumstritten.  

Wie erleben Sie konkret den Druck auf Landwirtschaftsflächen im Kanton Zürich: Wo wird aus Ihrer Sicht zu schnell Land geopfert?  
Wenn öffentliche Projekte geplant werden, gehen diese oft sehr schnell vor – zum Beispiel beim Bau von Bahnanlagen. Ohne die SBB an den Pranger stellen zu wollen: Sie können relativ unkompliziert auf Landwirtschaftsland bauen. Dabei entsteht zwar Bauland, das für die SBB wirtschaftlich interessant ist, aber gleichzeitig geht fruchtbares Ackerland verloren. 

Hier greift dann das Prinzip der Flächenkompensation: Wenn landwirtschaftliche Flächen durch Bauvorhaben zerstört werden, sollen an anderer Stelle neue Flächen verbessert oder aufgewertet werden. Das klingt zunächst gut, aber in der Praxis ist es oft problematisch. Denn oft bearbeiten wir als Landwirte Böden, die offiziell als «schlecht» gelten – also wenig fruchtbar. Häufig bringen diese Flächen aber sehr gute Erträge. Wenn man so einen Boden dann «aufwertet», ist das also kein Gewinn für die Landwirtschaft, sondern oft sogar ein Verlust. 

Die Kompensationspflicht ist also Ihrer Meinung nach oft eher Symbolpolitik als ein echtes Instrument? 
In vielen Fällen trifft das leider zu. Natürlich gibt es Flächen, die wirklich verbessert werden können – zum Beispiel nasse oder abgesunkene Böden, die durch Aufwertung ertragreicher werden. Aber oft entstehen dadurch keine wirklich besseren landwirtschaftlichen Flächen. Das heisst, der praktische Nutzen für die Landwirtschaft ist begrenzt. Überbaute Fläche ist in jedem Fall verloren, auch wenn anderswo kompensiert wird.  

Fruchtfolgeflächen sind per Gesetz geschützt. Gehen welche verloren, muss abgewogen werden, wie wichtig das Land ist. Wird diese Bedeutung in der öffentlichen Debatte ausreichend berücksichtigt – oder wird unterschätzt, wie wichtig diese Flächen für unsere Ernährungssicherheit sind?  
Aus meiner Sicht wird das ganz klar unterschätzt. Es kommt natürlich darauf an, von welchem Standpunkt man ausgeht. Es gibt Leute, die sagen: ‚Dann importieren wir halt unser Essen‘ – für sie ist das Problem gar keins. Wenn man aber findet, dass wir in unserem Land so viel wie möglich selbst produzieren sollten, um ausreichend Nahrungsmittel zu haben, dann ist der Schutz dieser Flächen extrem wichtig. 

Der Boden ist unsere Lebensgrundlage – für alles, was wir essen und brauchen. Egal, ob es sich um Wald oder Landwirtschaftsland handelt. Weltweit verschwinden immer mehr fruchtbare Flächen, während die Bevölkerung wächst. Das wird langfristig zu einem grossen Problem, für das wir Verantwortung übernehmen müssen. Gerade in Mitteleuropa haben wir sehr gute Böden – diese müssen wir unbedingt schützen.  

Erleben Sie in der Praxis konkrete Zielkonflikte zwischen Landwirtschaft und Bauprojekten? Können Sie ein Beispiel nennen? 
Eines der aktuellsten Beispiele ist das Gebiet Niederfeld in Wülflingen bei Winterthur. Dort ist das Problem, dass der Wald sehr stark geschützt ist – während die Fruchtfolgeflächen vergleichsweise wenig Schutz geniessenDeshalb ist gerade im Niederfeld ein Konflikt entstanden: Wenn Fruchtfolgeflächen genauso stark geschützt wären wie der Wald, könnten wir nicht so einfach auf fruchtbaren Böden bauen oder Waldflächen auf gute Ackerflächen verschieben. 

Generell gilt: Viele aktuelle Infrastrukturprojekte – wie Autobahnausbauten oder der Ausbau des öffentlichen Verkehrs im Gebiet Eich in Bassersdorf – beanspruchen zusätzlich neues Land. Solche Zielkonflikte tauchen im ganzen Land immer wieder auf, weil viele unterschiedliche Interessengruppen ihre Ansprüche geltend machen wollen.  

Nochmals zurück zum Wald: Wieso ist dieser so viel besser geschützt als Fruchtfolgeflächen? 
Das liegt daran, dass man vor über hundert Jahren hierzulande sehr viel Schaden im Wald angerichtet, und daraufhin später ein sehr strenges Waldschutzgesetz erlassen hat. Damals war Landfläche noch kein knappes Gut, da die Schweizer Bevölkerung deutlich kleiner war als jetzt. 

Wo sehen Sie die Hauptverantwortung für den Flächenverlust – bei Gemeinden, beim Kanton, beim Bund oder bei der Gesellschaft insgesamt? 
Wir tragen als ganze Gesellschaft die Verantwortung, diesen Konflikt zu lösen. Das Problem ist oft, dass jeder zunächst an sich selbst denkt. Wenn man persönlich nicht betroffen ist, nimmt man die Sache nicht so ernst. Die Problematik erscheint dann weniger dringlich. Aber wir müssen jetzt handeln, solange wir noch gute Böden und Lebensgrundlagen haben. 

Hand aufs Herz: Wenn der Druck weiter steigt – wird die Landwirtschaft diesen Kampf um Fläche langfristig verlieren? 
Es ist kein Kampf der Landwirtschaft, sondern die Gesellschaft als Gesamtes muss die wichtige Entscheidung treffen: Wollen wir unsere Lebensgrundlage erhalten oder nicht? Wir müssen gemeinsam einen guten Weg finden – und zwar dringend. Und dabei ehrlich zu uns selbst sein: Auf dem Papier lässt sich kein neues Land schaffen. Jeder verlorene Quadratmeter ist tatsächlich verloren.  

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Jedes Jahr wächst die Schweiz um 70'000 Personen – bis 2040 könnten 10 Millionen Menschen in unserem Land leben.

  • Mehr Menschen bedeutet mehr Wohnbedarf, doch auf einem Grossteil der Landesfläche kann man nicht bauen.

  • Auf dem theoretisch bebaubaren Flächen-Anteil der Schweiz liegt viel wertvolles Ackerland: Sogenannte «Fruchtfolgeflächen».

  • Um diese wird heftig diskutiert und gestritten. Was hat Vorrang: Mehr Wohnungen oder inländische Lebensmittelproduktion?

  • Wenn durch Bauvorhaben wertvolle Fruchtfolgeflächen zerstört werden, müssen an anderer Stelle gleichwertige Flächen verbessert oder ökologisch aufgewertet werden. Doch der praktische Nutzen dieser «Kompensationspflicht» für die Landwirtschaft ist begrenzt.

Für den vorliegenden Beitrag wurden folgende Quellen verwendet:


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