Das rasante Bevölkerungswachstum und der Schutz der Fruchtfolgeflächen in der Schweiz stehen in einem zunehmenden Spannungsfeld: Mehr Menschen in unserem Land bedeutet automatisch einen höheren Bedarf an Wohnraum, aber auch an Nahrung. Beides benötigt Fläche, doch sowohl die zum Wohnen als auch die für den Anbau geeignete Fläche in der Schweiz ist begrenzt.
Wenn man auf Lebensmittel aus inländischer Produktion setzt, ist es somit ein Ding der Unmöglichkeit, beide Bedürfnisse – Wohnraum und inländische Nahrung – gleichzeitig optimal zu erfüllen. Auf genau dieses Spannungsfeld werfen wir nachfolgend einen genaueren Blick.
Trotz einer historisch tiefen Geburtsrate von 1,29 Kinder
pro Frau in der Schweiz wächst die Schweizer
Bevölkerung jährlich um 60’000 bis 80’000
Personen – laut Bundesamt für
Statistik (BfS) könnten wir im Jahr 2040
bereits die 10-Millionen-Marke knacken. Grund für das Wachstum ist
besonders die Migration: Die
Wirtschaft braucht Arbeitskräfte – und diese kommen zu einem grossen Teil aus dem
Ausland.
Tatsächlich erfolgt ein Grossteil der
Immigration in die Schweiz als Familiennachzug oder wegen Arbeit,
während Asyl nicht einmal 20 Prozent der Nettozuwanderung ausmacht. Zudem
nimmt die Lebenserwartung von in der Schweiz lebenden Menschen stetig
zu: Bereits im Jahr 2050 kommen
auf eine pensionierte Person in der Schweiz nur noch zwei Erwerbstätige.
Die wachsende Gesamtbevölkerung geht auch mit einem wachsenden Bedarf an Wohnmöglichkeiten einher, es müssen neue Häuser und Wohnungen gebaut werden, Siedlungen, Energieanlagen und Infrastrukturen müssen sich vergrössern. Doch wo gebaut wird, fällt oft Landschaftsfläche dem Wohnbedarf «zum Opfer».
Wie schnell betoniert die Schweiz ihr Ackerland zu?
Wieso das ein «Opfer» ist? Grosse Teile der neu bebauten
Flächen waren landwirtschaftlich wertvoll und wurden für den Ackerbau
genutzt, man bezeichnete sie als sogenannte «Fruchtfolgeflächen», wie im Familie Richter-Beitrag vom 14.
Oktober 2025 ausführlich erläutert wurde.
Zwar sind Fruchtfolgeflächen in der Schweiz durch den
sogenannten «Sachplan
FFF» seit 1992 mit einem Mindestumfang von 438’460 Hektar geschützt –
das entspricht rund 615’000 Fussballfeldern oder rund dreimal der Fläche
des Kantons Luzern. Was nach einer grossen Fläche klingt,
muss aber differenziert betrachtet werden, denn: Jede Sekunde
wird in der Schweiz durchschnittlich ein
Quadratmeter Landwirtschaftsfläche überbaut.
Wald schützen, Acker opfern? Der Streit ums Niederfeld
Aktuelle Projekte, bei denen wertvolle Fruchtfolgeflächen zugunsten der Siedlungsentwicklung überbaut werden sollen, gibt es hierzulande einige. Ein solches Brennpunkt-Gebiet ist seit einigen Monaten auch das Gebiet Niederfeld in Winterthur Wülflingen ZH: Für den Ausbau der Kläranlage ARA Hard muss ein Teil eines Waldes gerodet werden, doch «der Wald ist sehr stark geschützt – während die Fruchtfolgeflächen vergleichsweise wenig Schutz geniessen», sagt Marc Peter im Interview am Ende des Artikels.
Als Kompensation dieser Waldrodung im Niederfeld, soll daneben «auf bestem Ackerland neues Waldgebiet aufgeforstet werden», sagt Landwirt Jan Ehrbar im nachfolgenden Video. Ehrbar ist Stadtparlamentarier der SVP in Winterthur und Vorsteher der Interessengemeinschaft zum Schutz der Fruchtfolgeflächen (IG FFF).
Die IG FFF ergriff gegen den Gestaltungsplan rund um die ARA Hard das Referendum und reichte Anfang März 2026 mit 1372 Unterschriften mehr als doppelt so viele ein wie für das Zustandekommen einer Abstimmung nötig gewesen wären. Ob Märkis oder Ehrbars Ackerland im Niederfeld nun für Ersatzaufforstung weichen soll, entscheidet damit bald die Winterthurer Bevölkerung.
Die «Kompensationspflicht» – nur Symbolpolitik?
Jeder überbaute Quadratmeter geht der Landwirtschaft und der Natur langfristig verloren. Deshalb setzen Städte auf kompakte Siedlungsentwicklung, Innenverdichtung und die Nutzung bestehender Baureserven statt auf neue Bauzonen auf der grünen Wiese. Stadtpräsidentin Barbara Thalmann sieht den Zielkonflikt zwischen fruchtbaren Böden und wachsender Bevölkerung auch für Uster zunehmend konkreter werden: «Die Stadt steht kurz davor, so viel Fruchtfolgefläche verbaut zu haben, dass eine gesetzliche Kompensation Pflicht wird», sagt sie im Interview am Ende des Artikels.
Neue Bauzonen als Ausnahme: Der Kurs der Raumplanung
Während die gesamtschweizerische Bevölkerung wohl in wenigen Jahren bereits die 10-Millionen-Marke überschreiten wird, dürfte die Anzahl Einwohnende im bevölkerungsreichsten Schweizer Kanton – in Zürich – laut kantonalen Prognosen innert 30 Jahren um 20 Prozent anwachsen; von heute rund 1,6 auf 1,9 Millionen, sagt Benjamin Meyer im Podcast-Gespräch.
Die Frage nach der Selbstversorgung
Wie Meyer im Podcast erwähnt hat, dürfen Fruchtfolgeflächen nur dann überbaut werden, wenn das Interesse an ihrem Erhalt kleiner ist als das Interesse an der geplanten neuen Nutzung auf der entsprechenden Fläche. Doch was hat langfristig die höhere Priorität, der grösser werdende Wohnraum oder der konsequente Schutz von Fruchtfolgeflächen?
Lust, reinzuschauen?
Interview mit Barbara Thalmann
«Uster steht kurz vor der Kompensationspflicht»
Als Stadtpräsidentin von Uster ZH steht Barbara Thalmann vor einem wachsenden Zielkonflikt der Raumplanung: mehr Wohnraum schaffen, ohne wertvolle Fruchtfolgeflächen zu opfern. Im Interview erklärt sie, warum der Handlungsspielraum einer Stadt wie Uster begrenzt ist und Verdichtung nur mit Qualität funktioniert.
Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Rückgangs der Fruchtfolgeflächen ein – schweizweit oder spezifisch im Kanton Zürich und um Uster?
Das Bevölkerungswachstum und die Verdichtung stehen in einem Spannungsfeld zum Schutz der Fruchtfolgeflächen. Auch für eine Stadt wie Uster sind lokale Landwirtschaft, Versorgungssicherheit und ein sorgfältiger Umgang mit Boden zentrale Anliegen – ebenso wie die Förderung der Biodiversität.
Boden ist eine begrenzte Ressource: Jeder überbaute Quadratmeter geht der Landwirtschaft und der Natur langfristig verloren. Deshalb setzen Städte auf kompakte Siedlungsentwicklung, Innenverdichtung und die Nutzung bestehender Baureserven statt auf neue Bauzonen auf der grünen Wiese.
In Uster wird dieser Zielkonflikt zunehmend konkret: Die Stadt steht kurz davor, so viel Fruchtfolgefläche verbaut zu haben, dass eine gesetzliche Kompensation Plicht wird. Dies ist ab 5000 m2 der Fall.
Interview mit Marc Peter
«Der Schutz unserer Böden ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe»
Marc Peter, Präsident der Kommission Ländlicher Raum & Gesellschaft beim Zürcher Bauernverband und praktizierender Landwirt, erlebt hautnah, welche schwierigen Entscheidungen Landwirte und Planer im Kanton Zürich zwischen Fruchtfolgeflächen und Bevölkerungswachstum treffen müssen. Im Interview erklärt er, warum jeder Quadratmeter Land zählt.
Im Kanton Zürich ist der Druck aufs Land sehr gross: Wir verlieren laufend sehr schnell sehr viele Flächen. Diese Entwicklung wurde bisher kaum gebremst. Gesamtschweizerisch haben wir in den letzten zehn Jahren die Fläche des Kantons Schaffhausen auf Kosten von Landwirtschafsland überbaut. Die Situation ist dramatisch.
Das Wichtigste in Kürze
- Jedes Jahr wächst die Schweiz um 70'000 Personen – bis 2040 könnten 10 Millionen Menschen in unserem Land leben.
- Mehr Menschen bedeutet mehr Wohnbedarf, doch auf einem Grossteil der Landesfläche kann man nicht bauen.
- Auf dem theoretisch bebaubaren Flächen-Anteil der Schweiz liegt viel wertvolles Ackerland: Sogenannte «Fruchtfolgeflächen».
- Um diese wird heftig diskutiert und gestritten. Was hat Vorrang: Mehr Wohnungen oder inländische Lebensmittelproduktion?
- Wenn durch Bauvorhaben wertvolle Fruchtfolgeflächen zerstört werden, müssen an anderer Stelle gleichwertige Flächen verbessert oder ökologisch aufgewertet werden. Doch der praktische Nutzen dieser «Kompensationspflicht» für die Landwirtschaft ist begrenzt.
Für den vorliegenden Beitrag wurden folgende Quellen verwendet: