Umwelt
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«Es gibt kaum Wildtiere, die so eng mit uns zusammenleben»

Hubert Krättli von der Stiftung Fledermausschutz über die faszinierende Welt der Fledermäuse. Bild. zVg

Welche Aufgaben übernimmt die Stiftung Fledermausschutz und welche Ziele verfolgt die Stiftung?

Das Hauptanliegen der Stiftung ist die Sympathiewerbung für Fledermäuse in der Öffentlichkeit mit dem Ziel, die einheimischen Fledermausarten und ihre Lebensräume nachhaltig zu schützen und zu fördern. Denn nur, wer Fledermäuse kennt, kann Fledermäuse schätzen und schützen. 

Unsere Stiftung hat sich dafür 3 grosse Aufgaben gegeben:

Bildung und Sympathiewerbung: Wir bilden jährlich mehrere hundert Personen aus und werben über Social Media und Veranstaltungen um Sympathie für unsere heimlichen Könginnen der Nacht.

Artenschutz und Forschung: Alle Fledermausarten sind bundesrechtlich geschützt. Politisch neutral engagieren uns für eine pragmatische Umsetzung der Schutzvorgaben.

Tierschutz: Unser Fledermausschutz-Nottelefon erhält jährlich mehrere Tausend Hilferufe von Personen, welche eine Fledermaus in Not gefunden haben. An rund 80 Notpflegestationen in der ganzen Schweiz werden Fledermäuse gesundgepflegt und schnellstmöglich wieder in die Natur zurück entlassen. 

Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Fledermauspopulationen in der Schweiz? 

Rund die Hälfte der einheimischen Fledermausarten steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten und gilt als bedroht. Bei einigen Arten wie dem Grossen Mausohr hat sich die Situation aber dank Schutzmassnahmen verbessert. So kümmern sich ehrenamtlich Mitarbeitende in der ganzen Schweiz um die noch rund 100 bestehenden Kolonien. Die Bestände sind von rund 9'000 Tieren Ende der 1990er Jahre auf rund 13'000 angewachsen. Bei einer Fortpflanzungsrate von weniger als einem Jungen pro Weibchen und Jahr ist das ein grossartiger Erfolg. Es zeigt aber auch, dass Fledermausschutz ein langfristiges Engagement bedingt. Viele andere Fledermausarten stehen jedoch weiterhin unter Druck. 

Welche Rolle spielen Fledermäuse in unserem Ökosystem und für die biologische Vielfalt?

In der Schweiz sind 30 verschiedene Fledermausarten nachgewiesen worden. Sie stellen hierzulande die grösste Säugetiergruppe und bilden somit einen wesentlichen Bestandteil unserer Biodiversität. Jede Fledermaus frisst pro Nacht bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichtes an Insekten, darunter auch viele für die Landwirtschaft schädliche.

Die enorme Bedeutung von Fledermäusen für uns Menschen lässt sich aktuell in den USA verfolgen: Eine Pandemie hat dort bei rund 5 Fledermausarten die Bestände zusammenbrechen lassen. Dies hatte Einbussen bei den landwirtschaftlichen Erträgen von rund 27 Milliarden Dollar zur Folge. Bei einem Gesamtertrag von rund 190 Milliarden Dollar ist das ein riesiger Verlust. Die Bauern reagierten und haben den Pestizideinsatz um rund 30% erhöht. In der Schweiz hätten wir ohne Fledermäuse eine ähnliche Situation. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass sich Fledermausschutz ökonomisch unbedingt lohnt. 

Welche konkreten Massnahmen sind aus Ihrer Sicht besonders wirksam, um Fledermäuse zu schützen und zu fördern?

Die Weibchen von Fledermäusen bilden im Sommerhalbjahr Kolonien, wo Trächtigkeit, Geburt und Jungenaufzucht stattfinden. Der Fledermausschutz fokussiert primär auf den Erhalt dieser sogenannten Wochenstuben. So begleitet er jedes Jahr viele hundert Renovationen von Gebäuden mit Fledermausquartieren. Der Schutz von Flugkorridoren ist ein weiteres wichtiges Anliegen. 

Ganz ähnlich wie wir Menschen Strassen vom Wohnort ins Einkaufszentrum nutzen, brauchen viele Fledermausarten nachtdunkle Strukturen, um vom Tagesschlafversteck ins Jagdgebiet zu kommen. Fehlen diese Flugkorridore, verwaist die Kolonie. Der Schutz von Flugkorridoren ist deshalb ein weiteres wichtiges Anliegen.

Darüber hinaus setzen wir uns für eine biodiversitätsfreundliche Nutzung der gesamten Landschaft ein, was aus unserer Sicht vor allem die Jagdlebensräume von Fledermäusen tangiert. 

Lassen sich diese Schutzmassnahmen mit der landwirtschaftlichen Nutzung von Flächen vereinbaren? Gibt es Massnahmen, die sich in dieser Hinsicht besser eignen als andere?

Jede und jeder kann etwas tun: Fledermäuse brauchen Tagesschlafverstecke. So setzen mittlerweile viele Bauern auf ein Quartierangebot in Viehställen, damit sich Fledermäuse niederlassen und die Fliegen auf natürliche Weise reduzieren. 

Je nachdem wie wir Menschen unsere Landschaft «möblieren», beeinflussen wir direkt die Anwesenheit von Fledermäusen. Sie brauchen Strukturen wie Hecken oder Bäume, welche mit dem Wald oder dem Siedlungsraum vernetzt sind. Einerseits bilden diese wichtige Jagdlebensräume, andererseits können sich die Bestände so miteinander vernetzen, was von grösster Bedeutung für ihr Überleben ist. 

Schlafen, bis der Frühling kommt
Umwelt
Flurina Zahn, ZBV Umwelt
29. 01. 2026
Im Sommer sieht man sie zu den Abendstunden immer mal wieder durch den Himmel huschen. Doch wie verbringen Fledermäuse eigentlich die Wintermonate?
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