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«Die Biodiversität reagiert oft langsamer als der Mensch»

Bildlegende: Stefan Lutter über den Wert von Nützlingen
Bild: zVg
Stefan Lutter, HAFL

Wie kann die Landwirtschaft von Biodiversität profitieren?

Biodiversität kann die Landwirtschaft auf vielfältige Weise unterstützen. Ein klassisches Beispiel sind Bestäuber: Rund 80 Prozent der Kulturpflanzen profitieren von Honigbienen, Wildbienen und anderen Insekten. Dabei steigt nicht nur der Ertrag, sondern oft auch die Qualität – etwa zeigen Erdbeeren weniger Verformungen, wenn eine vielfältige Bestäubergemeinschaft beteiligt ist.

Auch Nützlinge spielen eine wichtige Rolle, indem sie Schädlinge unterdrücken. In der Nähe von Nützlingsstreifen sind etwa Getreidehähnchen und Blattläuse im Weizen deutlich reduziert, auch wenn dieser Effekt mit zunehmender Distanz rasch abnimmt. Wie wichtig diese natürlichen Feinde sind, zeigt sich daran, dass sich Blattläuse ohne sie sehr schnell vermehren können.

Wo sehen Sie in der landwirtschaftlichen Praxis Beispiele dafür, dass eine vielfältige Nützlingsgemeinschaft zur Stabilität eines Systems beiträgt?

Verschiedene Nützlinge haben verschiedene Vorlieben, darum hilft es, möglichst viele Arten in der Nähe zu haben, welche schnell reagieren. Ein Beispiel ist die Kirschessigfliege (KEF): Lange gab es in der Schweiz keine Schlupfwespe gegen sie, jetzt ist aber eine Art bei uns eingewandert, welche gegen die KEF wirkt. 

Wo liegen die Grenzen dieses Ansatzes? Wann reicht Biodiversität nicht aus, um Produktionssysteme stabil zu halten?

Wenn das landwirtschaftliche System stark verändert wird und Biodiversitätselemente fehlen, kann es schnell aus dem Lot geraten. In solchen vereinfachten Systemen haben einzelne Schädlinge die Möglichkeit, sich stark auszubreiten, weil natürliche Gegenspieler zu wenig Lebensraum finden. Die Biodiversität reagiert oft deutlich langsamer als der Mensch. Während Bewirtschaftung, Fruchtfolgen oder Landschaftsstrukturen relativ rasch angepasst werden können, benötigen ökologische Prozesse deutlich mehr Zeit. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, in dem sich Schädlinge schneller durchsetzen können, als sich ein stabiles biologisches Gegengewicht entwickeln kann. 

Welche Rahmenbedingungen wären nötig, damit Landwirtinnen und Landwirte stärker von den Leistungen von Nützlingen profitieren können?

Auch aufseiten des Konsums braucht es ein Umdenken. Landwirtschaftliche Produkte sind Naturprodukte und deshalb nicht immer perfekt, eine gewisse Imperfektion muss stärker akzeptiert werden. Gleichzeitig ist es wichtig, Landwirtinnen und Landwirte nicht pauschal als diejenigen darzustellen, die einfach «spritzen», sondern ihre Arbeit und ihre Herausforderungen ernst zu nehmen. Veränderungen in der Landwirtschaft brauchen Zeit: Betriebe müssen neue Wege ausprobieren, Erfahrungen sammeln und schrittweise Lösungen entwickeln. Deshalb ist es sinnvoll, langfristig zu denken – auch über Generationen hinweg. So lässt sich eine produktive Landwirtschaft langfristig mit der Förderung der Biodiversität verbinden.

Man sollte Rahmenbedingungen schaffen, die Landwirtinnen und Landwirte für Biodiversitätsförderleistungen belohnen und ihnen ermöglichen, stolz auf ihre Beiträge zur Förderung der Biodiversität zu sein und Freude daran zu haben. Zudem empfiehlt sich eine Anpassung des Direktzahlungssystems, sodass nicht nur Massnahmen abgegolten werden, sondern auch zielorientierte Leistungen. Ein entsprechender Ansatz wird bereits im Kanton Zürich mit dem Projekt ZIBIF umgesetzt.

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