Welche Rolle spielt Biodiversität grundsätzlich für die Stabilität von Agrarökosystemen – gerade im Kontext zunehmender Klimaextreme?
Biodiversität wirkt wie eine funktionelle Versicherung: Verschiedene Arten reagieren unterschiedlich auf z. B. Trockenheit oder Hitze und sichern Ökosystemleistungen wie Bestäubung und Schädlingskontrolle. Fällt eine Art aus, können andere ihre Funktionen teilweise übernehmen. Unter Klimaextremen erhöht diese Vielfalt die Stabilität von Prozessen und Erträgen. Dabei entsteht sie durch die Vielfalt der Arten, ihrer genetischen Diversität und ihrer unterschiedlichen Funktionen.
Welche Veränderungen in der landwirtschaftlichen Landschaft haben besonders grossen Einfluss darauf, ob solche stabilisierenden Effekte der Biodiversität überhaupt entstehen können?
Ob sich diese stabilisierenden Effekte entfalten können, hängt entscheidend von Strukturvielfalt und Vernetzung von Lebensräumen auf Feld- und Landschaftsebene ab: standortangepasste Fruchtfolgen, ressourcenschonende Bewirtschaftung sowie räumliche Diversität wie Hecken, Säume oder Blühstreifen fördern funktionelle Biodiversität. Solche mosaikartigen Landschaften ermöglichen stabilisierende Effekte deutlich stärker als einheitlich genutzte Flächen in wenig strukturierten Landschaften.
Wo liegen die Grenzen dieses Ansatzes? In welchen Situationen reicht Biodiversität nicht aus, um Produktionssysteme stabil zu halten?
Damit die stabilisierende Wirkung von Biodiversität zum Tragen kommt, braucht es das Zusammenspiel von standortangepasster, ressourcenschonender Bewirtschaftung und strukturreichen Landschaften. Fehlen diese Voraussetzungen oder gerät das System stark aus dem Gleichgewicht, z.B. durch Extremereignisse, bleibt ihr Beitrag zur Stabilität begrenzt.
Wo sehen Sie derzeit die grössten Wissenslücken, wenn es darum geht, Biodiversität gezielt für stabilere Produktionssysteme zu nutzen?
Entscheidend ist, den Fokus von einzelnen Massnahmen hin zu zukunftsfähigen Produktionssystemen zu verschieben, die klimatische Herausforderungen, aber auch das Auftreten invasiver Arten oder Krankheiten zu berücksichtigen. Es fehlen auch Ansätze, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte entlang der Wertschöpfungskette integrieren und so eine fundierte Bewertung unterschiedlicher agrarökologsicher landwirtschaftlicher Strategien ermöglichen.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht in Politik oder Agrarsystem ändern, damit Biodiversität stärker als Teil nachhaltiger Produktionssysteme verstanden und gefördert wird?
Biodiversität sollte konsequenter als produktionsrelevanter Bestandteil landwirtschaftlicher Systeme verstanden werden. Dafür braucht es Rahmenbedingungen, die vielfältige und standortangepasste Produktionssysteme fördern, und ein enges Zusammenspiel von Politik, Landwirtschaft und Gesellschaft, um den Wandel gemeinsam zu tragen.